Sonntag, 9. August 2015

Wozu eine Erzählung dramatisieren?

Damit kann man
a) gute Erzählungen der Weltliteratur auf die Bühne bringen. Beispiel: Edgar Allen Poe - Die längliche Kiste
 

b) die Klassiker verbessern. Beispiel:  William Shakespeare - Beschreibung der Hochzeit in Der Widerspenstigen Zähmung
 

c) Biografien ins Theater bringen: Die eigene Story dramatisieren.

Wie wird die Qualität einer Szene aus der Sicht einer Figur beurteilt?

Wer sich mit dramatischen Texten beschäftigt - dazu gehören auch Schauspieler - möchte bestimmt einmal die Qualität einer Szene beurteilen.
Hier ein paar Anhaltspunkte:

  • Welches Ziel verfolgt die untersuchte Figur?
  • Warum ist dieses bestimmte Ziel wichtig?
  • Welches Problem muss die Figur lösen?
  • Bekommt die Figur, was sie erreichen will?
  • Wodurch wird das Ziel erreicht, bzw. nicht erreicht?
  • Ist es eine gute Szene - gemessen an diesem Maßstab?
Hinweis: Das Ergebnis sollte nicht sein, ob die Szene gefällt oder nicht. Das Ergebnis sollte einfach anhand der oben angegebenen Kriterien gefunden werden. Ist die Szene mit dem oben angegebenen Maßstab gut oder nicht?

Beispiel:
Shakespeare: Der Widerspenstigen Zähmung

STRASSE IN PADUA
BATTISTA, CATERINA, HORTENSIO UND GRUMIO TRETEN AUF

BATTISTA:    Nein, meine Herren, drängt mich ferner nicht,
Denn was ich fest beschlossen, das wisst Ihr jetzt:
Das heißt, mein jüngres Kind nicht zu vermählen,
Eh ich der Ältesten einen Mann geschafft.
Liebt einer von euch beiden Caterinen
(Denn beide kenn ich wohl und will euch wohl):
So stehts euch frei, nach Lust um sie zu frein.

CATERINA:    Ich bitt Euch, Vater, ists Eur Wille, so
Mich auszuhökern allen diesen Kunden?

HORTENSIO:    Kunden, mein Kind? Dich sucht als Kundschaft keiner,
Du musst erst neue, sanftre Form verkünden!

CATERINA:    Ei, lasst Euch drum nicht graue Haare wachsen: Ihr seid noch meilenweit von ihrem Herzen:
Und hättet Ihrs, gewiss sie sorgte schon,
Den Schopf Euch mit dreibein'gem Stuhl zu bürsten,
Und schminkt Euch das Gesicht wie den Hanswürsten.

HORTENSIO:    Vor solchen Teufeln, lieber Gott, bewahr uns!

GRUMIO:    Mich auch, du lieber Gott!
Geh' du nur zu des Teufels Großmutter! Deine Talente sind so herrlich, dass keiner dich hier zu halten begehrt!
ALLE AB




Analyse für Caterina
  • Welches Ziel verfolgt die untersuchte Figur?
    • Caterina will nicht heiraten.
  • Warum ist dieses bestimmte Ziel wichtig?
    • Zur Zeit Shakespeares bedeutete die Heirat für eine Frau eine vollständige Abhängigkeit vom Willen Ihres  Mannes.
  • Welches Problem muss die Figur lösen?
    • Sie will die Bewerber abwehren.
  • Bekommt die Figur, was sie erreichen will?
    • Sie wehrt die vermuteten Avancen erfolgreich ab.
  • Wodurch wird das Ziel erreicht, bzw. nicht erreicht?
    • Durch beißende Ironie. Vergleich mit einem Tierhandel.
  • Ist es eine gute Szene - gemessen an diesem Maßstab?
    • Caterina verfolgt ein wichtiges Ziel, das sie auch erreicht.


 

Mittwoch, 5. August 2015

Von der Erzählung zum Drama! - Die einfachen Regeln


Erstelle aus den folgenden Sätzen eine dramatische Form:

Regeln:
  • Die Figur darf ihre Tätigkeit nicht beschreiben. Sie muss sie ausführen - sie muss handeln.
  • Die Figur bekommt einen Namen, in Großbuchstaben. Es folgt ein Doppelpunkt.
  • Beispiel:
    CATERINA:
  • Aktionen werden in Klammern gesetzt.
  • Beispiel:
    (mit Nachdruck)
  • Die Figur muss etwas zur Aktion sagen: vorher, gleichzeitig oder nachher.
  • Beispiel:
    VENTROUX: Als ich ... (fasst sich an die Stirn) Ach, jetzt schreiben die schon über Frauen!

Die Sätze:
  • Hector, ein Advokat, freut sich auf sein Frühstück. Endlich einmal ganz in Ruhe, weil seine Frau ihn verlassen hat.
  • Hetherington glaubte weder an den Weihnachtsmann noch an andere Gespenster.
  • Der Chauffeur wurde mit einem reichlichen Trinkgeld von Hetherington verabschiedet.
  • Lilian nimmt den Brief mit dem Ring aus der Schublade, steckt ihn ein und wirft den Brief ins Feuer.



Donnerstag, 23. Juli 2015

Cold Reading üben mit: "Schlag mich doch einfach tot!" zum Thema "Szenen einer Ehe"

Schlag mich doch einfach tot!
nach Barrie: Eine halbe Stunde 1. Akt
Dramatis Personae
RICHARD:        Banker
LADY LILIAN:    seine Frau
Auf der Bühne stehen ein Stuhl für den Banker und ein Stuhl als Sofa für LADY LILIAN.
(RICHARD, ein Banker und Emporkömmling, zieht seine Frau heftig am Arm auf die Bühne.)
LADY LILIAN: Warum schlägst du mich nicht einfach? Ich bin nur eine Frau und wir haben keine Zeugen.
RICHARD: Eine Frau! Du sinnloses Wesen … eine Frau bist du bestimmt nicht! (schubst sie auf das Sofa)
LADY LILIAN: Wie stark du bist, mein Gatte! Ich muss dich einfach lieben. Nun, jetzt weißt du, warum ich dich liebe. Und warum liebst du mich? (nimmt ihren Hut ab) Schau, was du mir angetan hast. Also ehrlich, ich bin nicht sicher, ob grün-blau meine Farbe ist. Was meinst du denn? Welche Farbe steht mir, Richard?
RICHARD: Pass auf!
LADY LILIAN: Sag' mir doch einfach, warum du dieses Theater hier veranstaltest.
RICHARD: Genau das ist Theater. Was haben wir uns noch zu sagen?
LADY LILIAN: Sicher, aber das wussten wir schon vorher.
RICHARD: Genau. Und das habe ich auch deinem Vater gesagt.
LADY LILIAN: Ach, sag' mal, wie viel hast du Papi eigentlich für mich gegeben?
RICHARD: Na, insgesamt wohl 20.000 Dollar.
LADY LILIAN: Oh, das wertet mich ja mächtig auf.
RICHARD: Wärst du billiger gewesen, hätte ich dich nicht genommen.
LADY LILIAN: Das ist genau mein Richard. Aber da waren noch andere Tussis, die noch teurer waren! Wieso musste ich es gerade sein?
RICHARD: Eine Familie mit einem guten Stammbaum macht einiges her. Dann deine Schmalzaugen und deine Verachtung haben mich wohl wild gemacht.
LADY LILIAN: Ich habe gewonnen!
RICHARD: Oh, ich habe dich nicht gezwungen, zu kommen!
LADY LILIAN: Stimmt. Dein Geld hat mich überzeugt.
RICHARD: Genau so.
LADY LILIAN: Es tut mir Leid, Richard, für uns beide.
RICHARD: Booh.
LADY LILIAN: Ich war aber immer ehrlich. Ich habe mich immer nur für dein Geld interessiert.
RICHARD: So sollte es auch sein.
LADY LILIAN: Wieder typisch Richard. Vielleicht bin ich wenigstens ein wenig entlastet.
RICHARD: Schleimer.
LADY LILIAN: Sag' mal, warum beenden wir das alles nicht?
RICHARD: (wütend) Weißt du, mit wem du hier sprichst? Mit meinem Namen in der Finanzwelt?!
LADY LILIAN: Natürlich. Aber Richard, ist dir nie der Gedanke gekommen, dass ich ... vielleicht einmal?
RICHARD: Nie im Leben!
LADY LILIAN: Du bist ganz schön vertrauens ... selig.
RICHARD: Ja, das bin ich.
LADY LILIAN: Darf ich fragen, wieso?
RICHARD: Ich habe das Geld.
LADY LILIAN: Oh, ich verstehe.
RICHARD: Du hast ein tragisches Schicksal, nicht wahr?
LADY LILIAN: Tragischer als du jemals begreifen kannst.
RICHARD: Du warst zu jung zum Denken, als ich dich bekam.
LADY LILIAN: Aber, ich hätte es schon wissen können.
RICHARD: Du weißt schon, dass du ein seltenes, exquisites Geschöpf bist.
LADY LILIAN: Das glaub' ich nicht. Aber ich wäre es schon gerne.
RICHARD: Glaubst du, du hättest einen besseren Mann bekommen können?
LADY LILIAN: Mach dich nur lustig über mich. Ich habe es nicht anders verdient.
RICHARD: Es ist wohl genau so wie sie sagen.
LADY LILIAN: Wer?
RICHARD: Die Weicheier, die vom Geld ihrer Eltern leben.
LADY LILIAN: Und wenn ich sie frage?
RICHARD: Dann hättest du vielleicht eine einzige Träne im Auge, die ist genauso viel wert, wie die Träne, wenn du dein Bankkonto überzogen hast.
LADY LILIAN: He, du hast mich ja durchschaut!
RICHARD: Das glaube ich auch, Lilian. Versuche nicht, eine Heldin zu sein. Damit kommst du nicht klar.
LADY LILIAN: Fehlt mir etwa der Mut?
RICHARD: Du hast genauso viel Mut, wie die französischen Dandys auf dem Weg zur Guillotine. Aber, wenn es um das Leben geht, meine Liebe, dann musst du von unsereins leben.
LADY LILIAN: Oh, und wenn ...
RICHARD: Wenn du es mir zeigen willst? Ich bin nicht nervös. Du wirst wohl immer gewinnen. Ich habe dich durchschaut.
LADY LILIAN: (hitzig) Und, wenn ich es täte?
RICHARD: Wenn du das tust ... wenn du versuchst mich hereinzulegen ... (erfasst ihr Handgelenk)
LADY LILIAN: Nimmst du das Messer, Richard, oder Desdemonas Kissen?
RICHARD: Wenn du mir Schande machst, bevor ich dich vor die Türe gesetzt habe, dann breche ich dir den Hals.
LADY LILIAN: Wenn ich das täte, würde ich nicht meinen Hals hinhalten.
RICHARD: Dann gnade dir Gott!
LADY LILIAN: Wenn du mir jetzt den Hals brechen willst, dann lass bitte meinen Arm los!

Mittwoch, 22. Juli 2015

Cold Reading

Was ist Cold Reading im Theater?

Beim Cold Reading bekommen Sie fünf Minuten Vorbereitungszeit für ein zehn Seiten langes Skript.
Cold Reading wird gebraucht:
  • Beim Probelesen im Schul- und Amateurtheater, im Vorlesetheater bei kurzfristig angesagten Vorstellungen,
  • bei szenischen Veranstaltungen in kleinem Kreis, z. B. bei Geburtstagen, Halloween oder Adventsveranstaltungen und
  • beim Casting für kommerzielle Produktionen. So kann der Regisseur vielleicht prüfen wollen, ob Sie für eine andere Rolle geeignet sind.
Sie machen bestimmt einen guten Eindruck, wenn Sie die Goldene Regel des Cold Reading im Theater beachten.

# # #

Die Goldene Regel des Cold Reading:

Schauen Sie Ihre Mitspieler an, während diese sprechen.
Sie dürfen auf keinen Fall auf den eigenen Text schauen, sie müssen sich an der Szene beteiligen und aufschauen.
Dafür dürfen Sie aber auf den eigenen Text schauen, wenn Sie selbst an der Reihe sind. Sie müssen den eigenen Text nicht auswendig können.
Bei dem Blick auf das Blatt können Sie das Spiel mit Mimik, Körperhaltung und ggfs. mit einer freien Hand begleiten. Am Ende des Textes heben Sie den Kopf und hören den anderen Mitspielern zu - Sie sind wieder im Spiel - jetzt ohne Text.
Sie achten auf die anderen Schauspieler, schauen diese an und geben zu erkennen, dass Sie mitspielen.
Sobald die Mitspieler nicht mehr sprechen, kehren Sie zu dem eigenen Text zurück.
Den linken Daumen verwenden Sie als Markierung: Er bewegt sich in der Geschwindigkeit des Flusses der Szene nach unten. Damit wird die rechte Hand für Gesten frei. Alternativ geht die rechte Hand mit dem Daumen langsam nach oben - somit kann das Blatt mit beiden Händen gehalten werden.
Mit dieser Technik können die Übergänge dann so flüssig sein, dass es dem Zuschauer gar nicht auffällt, dass der Text nur vorgelesen wird.
Die anderen Schauspieler in der Szene machen das beim Cold Reading genauso.

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Die letzten guten Ratschläge

Nicht das Gesicht verdecken. Das ist wirklich wichtig. Man hat den Text in der Hand und darf ablesen. Dann liegt die Versuchung nahe, den Text vor das Gesicht zu halten. Das geht auf keinen Fall, die Regie bzw. die Zuschauer wollen Ihr Gesicht sehen!
Bewegen Sie sich, wenn es die Szene hergibt. Noch einmal: sich niemals mit dem eigenen Text beschäftigten, wenn die anderen sprechen. Die eigene Leistung liegt im Reagieren auf die anderen Mitspieler.
Üben Sie das Lesen regelmäßig. Der Umgang mit dem Papier und der Kontakt zu den Mitspielern muss automatisch ablaufen. Es muss ohne Nachdenken funktionieren.
Trainieren Sie diese Technik bei kurzfristig angesagten Veranstaltungen.
Erweitern Sie Ihr Repertoire mit interessanten Texten, die Sie vielleicht einmal wiederverwenden möchten.
Es gibt viele Möglichkeiten eine Szene oder einen Monolog zu gestalten. Vielleicht schlägt die Regie Ihnen einen anderen Weg vor. Greifen Sie ihren Vorschlag auf und zeigen Sie, dass Sie ein Team-Player sind.
Mit Kreativität, guter Lesetechnik und professionellem Verhalten wird die Lesung bzw. das Casting ein Erfolg sein!
Hals- und Beinbruch!


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Mittwoch, 17. Juni 2015

Öffentliche Proben

Warum sind öffentliche Proben wichtig?
Bei einer Theateraufführung wollen die Zuschauer eine interessante Story verständlich sehen und hören.
Bei einer normalen Probe übernimmt der Regisseur die Rolle der Öffentlichkeit und überprüft, ob die Story interessant und visuell und akustisch verständlich ist. Die Zuschauer wollen das Spiel sehen und hören.
Die Schauspieler brauchen aber Rückkopplung für die Wirkung des Spiels. Sie müssen fühlen, wie das Spiel wirkt. Sie müssen die Wirkung auf das Publikum spüren können. Das sollte nicht erst bei der Generalprobe sein.
Hier ist die öffentliche Probe wichtig.

 Ist die öffentliche Probe eine normale Probe?
Die Szene ist für die öffentliche Probe weitgehend vorbereitet. Es geht eher um die Feinabstimmung, um das Gefühl, wie die Szene mit Publikum wirkt.
Wie kann das Publikum helfen?
Das Publikum verhält sich wie jedes normale Publikum auf der Welt. Es kommt pünktlich und erwartet eine besondere, großartige Geschichte.
Im Anschluss an die Präsentation kann das Publikum an die Schauspieler und die Regie Fragen stellen und Anregungen geben.
Wird der Regisseur eingreifen?
Bei einer öffentlichen Probe greift er eigentlich nur bei technischen Problemen ein. Ansonsten ist das persönliche Gespräch am Ende der Szene üblich.

Dienstag, 16. Juni 2015

Text lernen - Eine Anregung von Erika Kapeller

Also, ich hatte mal "ziemlich vor einiger Zeit" eine Kollegin, die ihre Passagen auf die gute alte Kassette gesprochen hat - mit Lücken, wo sie dann bevorzugt während des Autofahrens ihren Text rein gesprochen hat. Auch originell, finde ich. Es gibt nun mal verschiedene Lern-Typen: Akustische, optische (auf welcher Seite, an welcher Stelle steht im Skript mein Text...) - Lernen im Zusammenhang mit Bewegung ist immer gut und förderlich, also geht ruhig mal auch zu Hause mit eurem Textbuch in der Hand auf und ab.

Post von Erika Kapeller auf facebook in der öffentlichen Gruppe Bühnen-Autoren-Regisseure zum Thema “Wie lernt ihr euren Text?” von Anke Kemper.

Sonntag, 14. Juni 2015

Machen Sie mich an! nach Georges Feydeau


Hector, ein Advokat, freut sich auf sein Frühstück. Endlich einmal ganz in Ruhe, weil seine Frau ihn verlassen hat. Aber Emma, die Nachbarin von gegenüber, stört seine Ruhe mit einer besonderen Bitte. Sie hat ein sehr delikates Anliegen.

SZENE 1
HECTOR
Gedeckter Tisch, Stuhl, Fenster, Tür
DER VORHANG GEHT AUF. HECTOR MIT BART IN HEMDSÄRMELN UND WEISSER RÜSCHENSCHÜRZE HAT GERADE DEN TISCH GEDECKT

HECTOR:    So, also! Für den Anfang! Gar nicht so schlecht! Ah! Ich bin sicher, wenn mich jemand mit meiner weißen Rüschenschürze und meinem Bart sieht, der würde sofort denken, ich wäre ... Nein, überhaupt nicht! Ich bin Advokat! Ehrenwort! Ich bin das nicht Schuld. Mon Dieu, nein. Mama wollte das. Eines Tages, bei meiner Amme, ich war gerade acht Monate alt ... daran werde ich mich immer erinnern ... Mama, nachdem sie mich von oben bis unten angeschaut hatte ... rief aus: "Er wird Advokat!" Und nun bin ich Advokat ... bitte! Genauso habe ich geheiratet. Das war nicht meine Schuld! Mon Dieu! Nein ... auch das wollte Mama ... sie hat mir gesagt "Hier ist die Frau, die du brauchst." Ich habe "ja" gesagt und ich beklage mich nicht. Mein Frau sieht wirklich hübsch aus! ... aber sie ist eifersüchtig! So eifersüchtig, dass sie mir gestern Morgen eine fürchterliche Szene gemacht hat ... als ich Rose angesprochen habe ... unser Dienstmädchen. Ich habe ihr Anweisungen gegeben ... Am Abend, als ich meine Pantoffeln brauchte, habe ich an meiner Frau vorbei der Rose gesagt: "Holen Sie meine Pantoffeln!!!" So sollte meine Frau nicht mitkriegen, dass ich Rose zublinzelte. Oh weh! Ist sie da böse geworden. Sie sagte, dass ich Anweisungen vor ihren Domestiken gebe! Dann ist sie zum Schlafen zu ihrer Mutter gegangen - nachdem sie Rose raus geworfen hatte. Also bin ich seit gestern Abend alleine im ehelichen Domizil. Allein, aber immer unter der Kontrolle von Madame Klatschbase, die Mieterin von unten. Die sagt meiner Frau immer Bescheid, wenn ich gegangen bin, welche Besucher ich empfangen habe usw. usw.
(ZUM BODEN)
Ja, regen Sie sich nur auf! Was Madame Klatschbase? Ich habe niemanden empfangen und ich bin nicht weggegangen.
(GEHT ZUM TISCH)
Und jetzt das Frühstück ... Das Frühstück ohne meine Frau! Egal! ... Ich liebe sie, ich bete sie an! Ich würde mein Leben für sie geben ... Aber ich will nicht vor Hunger sterben ... Wenn man gut frühstückt, kann man nicht mehr vor Hunger sterben.
(ES KLINGELT)
Oh! Die Klingel! Wer könnte das sein? Ich erwarte niemanden.
(NOCH EINMAL DIE KLINGEL)
Oh! Das ist meine Frau. Das erkenne ich an der Klingel.
(ES KLINGELT WEITER)
Ja! Ja!
(AB)
SZENE 2
HECTOR, EMMA
EMMA:    (sehr erregt) Was soll das! Hören Sie mich denn nicht!
HECTOR:    (gnädig) Sicher, Madame, aber ..
EMMA:    (nachäffend) Sicher, Madame, aber .. Dummkopf, los!
(GEHT AN IHM VORBEI ZUM FENSTER UND SCHAUT DURCH DIE FENSTER SCHEIBE)
HECTOR:    (zur Seite) Wenn sie dazu hierhin gekommen ist ...
(laut) Pardon, Madame, aber ...
EMMA:    (sie lässt sich nicht stören) Der Patron. Aber schnell!
HECTOR:    Der Patron? Das bin ich, Madame.
EMMA:    (hebt die Schulter) Wie? Sie sind das! Ach, sie sind nicht ganz ...!
HECTOR:    (zieht seine Schürze aus und seine Robe an)Doch, Madame, ich bin der Advokat!
EMMA:    (dreht sich um) Der Advokat?
HECTOR:    Sehr wohl, Madame.
EMMA:    (herablassend) Wie, Sie sind der ... ?
HECTOR:    Jawohl, Madame.
EMMA:    Oh! Monsieur! Entschuldigen Sie, ich habe sie für ... na, ja ... gehalten.
HECTOR:    (gnädig)Oh! Mon Dieu, wenn man sich nicht kennt!
EMMA:    Bitte akzeptieren Sie meine Entschuldigung!
HECTOR:    (grüßend) Oh! Madame! ... stehe zu Diensten. Dürfte ich erfahren, warum ich die Ehre habe?
EMMA:    Bitte schön, Monsieur.
(ZIEHT DEN HUT AB UND DEN MANTEL AUS, LEGT ALLES EINEN STUHL)
HECTOR:    (zur Seite) Eh! Nun! Sie bleiben? Sapristi! ... ich habe noch nicht einmal gegessen.
EMMA:    (sehr erregt) Monsieur! ...
HECTOR:    Madame! ...
EMMA:    Sind Sie ein Ehrenmann? [kann man Ihnen vertrauen?]
HECTOR:    Wie, bitte, Madame?
EMMA:    (insistiert) Sind Sie ein ehrlicher Mensch?
HECTOR:    Mein Gott! Madame, es gibt solche und solche. Ich heiße Hector Bouchard.
EMMA:    Oh! Sie verstehen mich nicht! Ich meine ... moralisch ...
HECTOR:    Ah, moralisch! Mon Dieu, natürlich Madame, ich bin durch und durch ein Ehrenmann. (zur Seite) Was soll das werden?
EMMA:    Ich möchte Sie um einen Dienst bitten! (schaut zum Fenster.)
HECTOR:    (zur Seite) Teufel, ich bin schon zu weit gegangen!
EMMA:    Einen großen ...
HECTOR:    (zur Seite) Einen großen? Aber Sacrebleu! Ich kenne die Dame doch gar nicht. Und, ... wenn meine Frau jetzt kommt.
EMMA:    Monsieur, ich bin verheiratet.
HECTOR:    Gut, Madame! (zur Seite) So, jetzt geht es mir besser. (laut)Bitte setzen Sie sich doch.
SIE SETZEN SICH RECHTS AN DEN TISCH
EMMA:    Ich habe einen Gatten, Monsieur!
HECTOR:    Natürlich!
EMMA:    Wieso natürlich?
HECTOR:    Ich sage natürlich, weil ... Sie sind doch verheiratet. (zur Seite) Und mein Essen wird kalt!
EMMA:    Ja, ich habe einen Gatten! Einen eifersüchtigen Gatten! Er sucht Streit! Er macht mir Szenen.
HECTOR:    Ah, ich verstehe.
EMMA:    Sie verstehen?
HECTOR:    Vollständig! Sie werden meine Dienste in Anspruch nehmen wollen.
EMMA:    Sie haben es erraten.
HECTOR:    (nimmt ein Gesetzbuch in die Hand) Gerne, Madame! Mal sehen! Hat Ihr Gatte sie betrogen? Haben Sie Briefe oder sonst irgendeinen Beweis, den Sie gegen ihn verwenden können?
EMMA:    Gegen Ihn? Beweise? Was soll das? Was denken Sie?
HECTOR:    Aber, Madame, ich dachte ... ich dachte Sie wollten sich scheiden lassen ... und als Advokat ...
EMMA:    Ich? Mich scheiden lassen? Das habe ich nicht gesagt. Ich liebe meinen Gatten, jawohl, Monsieur.
HECTOR:    Gut. Umso besser. Aber ... Was wollen Sie? Worüber beklagen Sie sich?
EMMA:    Ich beklage mich, weil mein Mann so eifersüchtig ist.
HECTOR:    Ja, aber das bin ich doch nicht schuld. (zur Seite) Warum erzählt sie mir das eigentlich?
EMMA:    (erhebt sich, indigniert) Aber, Monsieur, er hat überhaupt keinen Grund dazu. Verstehen Sie das? Er hat keinen Grund! Das kann man mir wirklich nicht vorwerfen!
HECTOR:    Aber, Madame, ich möchte darauf hinweisen, dass ich das nicht gesagt habe. (zur Seite) So langsam geht sie mir auf die Nerven, also ehrlich.
EMMA:    (geht zum Fenster und sagt theatralisch) Er will mich angreifen! Ich soll ihn betrogen haben! Mir Szenen machen! Mir sagen, dass ich ihn nicht liebe, dieser undankbare Mensch!
HECTOR:    (zur Seite, geht zum Tisch) Auch das noch! Sie will einfach nicht gehen! Ich sterbe vor Hunger!
EMMA:    (entschlossen, kommt auf Hector zu, sie sind durch den Tisch getrennt) Monsieur, ich bin zu Ihnen gekommen, weil Sie mein Nachbar sind, weil Sie genau gegenüber wohnen.
HECTOR:    Das ehrt mich, Madame. (zur Seite9 Wird sie jetzt die ganze Nachbarschaft ablaufen?
EMMA:    (setzt sich auf den Stuhl beim Fenster) Und jetzt Monsieur, machen Sie mich bitte an!
HECTOR:    (zur Seite) Waas? ... ich soll ... ? Sie ist nicht ganz dicht!(laut) Bitte! Sie verlangen, dass ich ...
EMMA:    (graziös erhebt sie sich und bewegt sich auf ihn zu) Ich bitte Sie, Monsieur! ... Aber zuvor sollen Sie sich über meine Gefühle Ihnen gegenüber im Klaren sein.
HECTOR:    (grüßt mit etwas Überheblichkeit) Oh! Madame!(zur Seite) Wir haben hier eine romantische Frau! Eine Julia auf der Suche nach ihrem Romeo!
EMMA:    (graziös, ein wenig geniert) Monsieur! Sie sind hässlich ...
HECTOR:    Was?
EMMA:    (affektiert) Unterbrechen Sie mich nicht! ... Sie sind hässlich, primitiv, Sie sehen aus wie ein Tier, Sie haben einen Bauchansatz, Sie gefallen mir überhaupt und ganz und gar nicht.
HECTOR:    (erschüttert) Mon Dieu! Madame ... sie sind doch liebenswürdig ... ja! ... ich ... (zur Seite) Irgendwie finde ich ihre Komplimente ein wenig grob.
EMMA:    (immer noch affektiert) Schauen Sie sich doch einmal Ihr Gesicht an!
HECTOR:    (pikiert) Ich bin nicht geschminkt.
EMMA:    Ach, was sagen Sie! Ich bin Impressionistin! Übrigens, ich mache das hier ... damit Sie sich nicht etwa einbilden ... ich würde sie mögen.
HECTOR:    Madame, das steht außer Frage.
EMMA:    Ah, die Männer bilden sich schnell etwas ein!
HECTOR:    Die macht mich fertig.
EMMA:    (entschieden) Nun, jetzt, wo wir das klar gestellt haben, wissen Sie woran Sie sind. Fangen wir an! Machen Sie mich an! (setzt sich wieder auf den Stuhl)
HECTOR:    Aber, Madame, das ist doch nicht ihr Ernst. Geben Sie zu, das ist ein Witz.
EMMA:    Auf keinen Fall!
HECTOR:    Nun gut! Sie wollen mir weismachen ... Ach! Hören Sie mit dieser Komödie auf und sagen Sie mir, worauf Sie hinaus wollen.
EMMA:    Ich will, dass Sie mich anmachen. Hier! (zeigt auf den Platz auf dem sie sich befindet)
HECTOR:    Aber, Madame, ich habe keine Gefühle für Sie.
EMMA:    (erhebt sich und kommt lebhaft auf ihn zu) Na und! Glauben Sie etwa, ich hätte welche?
HECTOR:    Aber, ich kenne Sie ja gar nicht.
EMMA:    Ich sie auch nicht.
HECTOR:    Aber ich bin verheiratet.
EMMA:    Ich auch.
HECTOR:    (wütend)Jetzt reicht es mir! (zurück, oberhalb des Tisches)
EMMA:    (geht nach rechts) Schauen Sie, Monsieur, was ich von Ihnen verlange ist doch ganz einfach. Sie verstehen einfach nicht, dass ich meinem Gatten eine Lektion erteilen will. Ich will mich rächen für seine ewigen Szenen, seine Angriffe ... und ich bitte Sie, mir zu helfen. Verstehen Sie denn nun endlich?
HECTOR:    (oberhalb des Tisches)Ich ... wenn ich ... überhaupt nichts. (nimmt ein Stück Brot und schlingt es heimlich herunter)
EMMA:    (zur Seite)Männer! ... Entweder dumm oder eifersüchtig. (laut) Egal! Das macht nichts! Fangen wir an ... Kommen Sie zum Fenster. (will das Fenster öffnen)
HECTOR:    (flüchtet nach ganz rechts) Was? Was machen Sie, Madame?
EMMA:    Das sehen Sie doch ... ich öffne das Fenster.
HECTOR:    Aber es ist eiskalt!
EMMA:    Na, und. Machen Sie Feuer! Sie haben ja wohl keins mehr.
HECTOR:    Es ist seit gestern Abend aus. Wieso soll ich das anmachen, wenn das Fenster auf ist! Wir haben fünf Grad über Null. Also, bitte Madame, bitte schließen Sie das Fenster. (zur Seite) Die Frau ist bescheuert.
EMMA:    (zeigt auf das Fenster gegenüber) Schließen? Und wie soll Alcibiade uns dann sehen? ... Na?
HECTOR:    Welcher Alcibiade? Der Klassiker?
EMMA:    (spöttisch) Ein Klassiker? Mein Mann?
HECTOR:    Nein, ich will mich nicht über ihn lustig machen.
EMMA:    (kommt auf Hector zu, drohend) Vergessen Sie nicht, dass Sie mit seiner Frau sprechen!
HECTOR:    (entsetzt) Was? Mit wessen Frau? Ach, von ihrem Mann ... mit Alcibiade. Ich verstehe. Schließen Sie das Fenster!
EMMA:    (zur Seite)(verzweifelt) Ist der dumm! Also ehrlich! (kehrt zum Fenster zurück)
HECTOR:    (zur Seite) Die ist ja völlig verdreht. (laut und bestimmt) Madame, wenn Sie darauf bestehen, diese Fenster offen zu lassen, dann werde ich ... mich erkälten.
EMMA:    Gut, ich habe Taschentücher dabei. Also, los! (zieht ihm am Ärmel und schleppt ihn zum Fenster)
HECTOR:    (zur Seite) Ich dreh' durch. (laut) Darf ich mir den wenigstens noch was um meinen Hals tun?
EMMA:    Bitte, mein Umhang, das ist Pelz. (legt ihm ihren Umhang über die Schulter) So, jetzt fangen wird an ... schnell ... bitte. (setzt sich hin)
HECTOR:    (fällt auf den Sitz) Du meine Güte! Wann bekomme ich mein Essen?
EMMA:    (erhebt sich) Was, Monsieur! Sie haben noch nicht gegessen? Warum haben Sie das denn nicht gesagt? Das tut mir ja so Leid. (geht vor dem Tisch vorbei) Ach, bin ich dumm. Das hätte ich bei diesem Tisch doch merken müssen. Oh, bitte entschuldigen Sie. Monsieur, schnell, zu Tisch, zum Frühstück. (setzt sich hin)
HECTOR:    (verblüfft, zur Seite) Wie, wir frühstücken? Ich habe sie nicht eingeladen. (laut, erhebt sich) Entschuldigen Sie, Madame, aber ...
EMMA:    (freundlich) Oh, das macht doch nichts, Monsieur, ich verzeihe Ihnen. Also, Sie kommen hierhin, auf den Ehrenplatz.
HECTOR:    (setzt sich, verblüfft) Ehrenplatz? (zur Seite) Nein, ehrlich, jetzt lädt sie mich ein.
EMMA:    Oh, es fehlt ein Gedeck. Rufen sie das Personal!
HECTOR:    Ich bin das Personal.
EMMA:    Sie sagten doch, Sie wären Advokat?
HECTOR:    Ja, das ist mein Beruf. Jetzt bin ich Dienstmädchen. Meine Frau hat ihre Perle entlassen.
EMMA:    Na, sowas. Das war bei mir genauso: Ich habe mein Dienstmädchen entlassen. Gut, da Sie nun den Dienst übernommen haben ... gehen Sie und holen Sie mir ein Gedeck.
HECTOR:    Aber, Madame.
EMMA:    Was nun? Ich, ich kann doch nicht alleine gehen. Ich weiß doch nicht, wo was ist. Also, los, machen Sie schon! (stampft ungeduldig mit dem Fuß auf)
HECTOR:    (zur Seite) Das reicht! (laut) Niemals!
EMMA:    Was sagten Sie! (stampft wieder mit dem Fuß)
HECTOR:    (zur Seite) Sapristi! Madame Klatschbase hört das doch unten. (laut) Ich sagte: Ja, natürlich gehe ich. (zur Seite) Diese Frau geht mir auf die Nerven. (geht ab)
SZENE 3
EMMA
EMMA:    (alleine, steht auf und geht zum Fenster) Ah, Monsieur, mein Gatte, Sie erlauben sich, eifersüchtig zu sein. Ah, Sie verdächtigen Ihre nette Frau, wenn sie absolut ehrenhaft ist. Ah, sie tun so, als ob man Sie täuschen würde! Und weil das so ist, sollen auch Sie  getäuscht werden. Sie sollen vor Eifersucht platzen, das wäre was. Ja, so soll wird das sein! (stampft mit dem Bein auf)
SZENE 4
HECTOR, EMMA
HECTOR:    Rumms! Da! Hier ist das Gedeck. Brrr! Es ist eiskalt, wenn man hier hereinkommt.
EMMA:    Ach, da sind Sie ja. Kommen Sie, helfen Sie mir.(greift den Tisch an einem Ende)
HECTOR:    Wie? Ich soll Ihnen helfen?
EMMA:    Ja, der Tisch muss zum Fenster.
HECTOR:    (dreht sich um und nimmt den Tisch am anderen Ende) Ah, nein, ehrlich, das reicht jetzt. (Spiel mit Kommen und Gehen am Tisch)
EMMA:    (lässt den Tisch los) Wie, Sie wollen nicht?
HECTOR:    Ja, ich will nicht. Das ist gegen den gesunden Menschenverstand. Kein Mensch nimmt sein Frühstück mitten im Februar am Fenster ein. Das ist Wahnsinn! Das ist vo..., vo..., voll daneben.(niest) Da, jetzt ist es soweit, ich bin erkältet.
EMMA:    Gott segne Sie!
HECTOR:    (zur Seite) Der Teufel soll sie holen!
EMMA:    Monsieur, ich möchte darauf hinweisen, wenn Sie zu meinem Vorschlag zugestimmt hätten, wären wir schon längst fertig.
HECTOR:    (stark erkältet) Madame, ich muss Ihnen mitteilen, auch ich ... ich ... (niest mehrere Male) Also, mich hat es erwischt. (Er legt die Serviette auf seinen Kopf und verknotet sie wie ein Halstuch.)
EMMA:    Ich warne Sie, wenn Sie nicht das tun, was ich Ihnen sage, dann sage ich Ihrer Frau, dass Sie mich anmachen wollten.
HECTOR:    Was? Sie machen Witze? Nein, das nicht! Unmöglich - das ist ja infam! (zur Seite) Frauen! Mon Dieu, Frauen! (niest)
EMMA:    (einschmeichelnd) Nun, machen Sie mit.
HECTOR:    Also, Madame, das geht nicht, denken Sie mal ...
EMMA:    Oh, ich habe nachgedacht. Mein Gatte wagt es, an mir zu zweifeln! Er muss bestraft werden ... und zwar durch seine eigene Eifersucht. Das ist meine Rache
HECTOR:    Ja, aber haben Sie denn auch die Folgen Ihres Verhaltens bedacht?
EMMA:    Ja, Parbleu! Das weiß ich genau. Er wird Sie umbringen.
HECTOR:    (erschrocken) Also, er wird mich ... ? Und was soll ich dann machen?
EMMA:    Er wird Sie umbringen. Auf jeden Fall hoffe ich, dass Sie nicht die Frechheit haben werden, meinen Mann umzubringen!
HECTOR:    Aber, Madame!
EMMA:    Das wird ein Duell auf Leben und Tod, wahrscheinlich mit ... einem Fleischerhaken. (imitiert das Aufhaken einer Schweinehälfte)
HECTOR:    Was! Ein Fleischerhaken?
EMMA:    Ja, er ist Metzger.
HECTOR:    Das ist ja fürchterlich.
EMMA:    Fürchterlich
HECTOR:    Das ist ja unglaublich.!
EMMA:    (geht auf ihn zu) Wie? Gefällt Ihnen das nicht?
HECTOR:    Mir? Nein, ganz und gar nicht! Ein Fleischerhaken. Ouah.
EMMA:    (verächtlich) Haben Sie etwa Angst?
HECTOR:    Ich war noch nie Metzger. Mir kommt alles hoch.
EMMA:    (immer noch verächtlich, geht nach rechts) Männer!
HECTOR:    Also bitte, Madame, ich habe einen anderen Vorschlag. Glauben Sie mir, bitte, reichen Sie die Scheidung ein. Das ist einfacher und - schauen Sie - auch nicht so gefährlich.
EMMA:    (geht auf ihn zu, er muss sich Richtung Fenster zurückziehen) Scheidung? Das ist doch keine Rache. Ich sagte Ihnen doch, ich liebe meinen Gatten. Ich will mich doch nur rächen. Ich will mich nicht trennen.
HECTOR:    (beim Fenster) Aber, Madame.
EMMA:    (standhaft) Nein, das brauche ich nicht. (zwingt ihn in den Sitz) Also, setzten Sie sich, reißen Sie mich auf.
HECTOR:    Niemals!
EMMA:    Ah, passen Sie auf!
HECTOR:    Ach, passen Sie auf, was gegenüber passiert!
EMMA:    Himmel, hab' ich das richtig gesehen. Mein Gatte tête-à-tête mit einer fremden Frau! Das ist fürchterlich! Der Schurke, der Gauner, der Wicht, der ... (zu Hector) Mein Mantel, wo ist mein Mantel. (Sie geht um den Tisch herum und sucht ihren Mantel.)
HECTOR:    (folgt ihr und sucht auch den Mantel) Der Mantel! Wo ist der Mantel!
EMMA:    (bemerkt den Mantel auf Hectors Schultern) Ja, merken Sie denn nicht, dass Sie meinen Mantel haben?
HECTOR:    Echt, das stimmt. (übergibt den Mantel, den sie sich mit ihrem Hut umhängt)
EMMA:    Dem kratze ich die Augen aus. (ab)
SZENE 5
HECTOR:    (fällt in den Sessel) Uff, endlich ist die weg. Was für eine Frau, mon Dieu. Was für eine Frau! Ich kann nicht mehr. Wenn die noch mal kommt, kann sie klopfen, klingeln und Krach schlagen, wie sie will. Ich mache nicht mehr auf. Mir reicht es. Sie hat mir eine Wahnsinns-Erkältung gebracht. Also, jetzt mache ich das Fenster zu. (erhebt sich und geht an das Fenster) He, was sehe ich? Das kann doch nicht wahr sein! Das grüne Kleid. Das bekannte grüne Kleid. Horror! Der Metzger tête-à-tête mit meiner Frau! Das ist fürchterlich, niederträchtig. Und ich dachte, sie wäre bei ihrer Mutter. Oh nein, so wird das nicht laufen. Ich werde mich rächen. Ist das klar? Ich werde kämpfen, ... und wenn es ein Fleischhaken sein muss. Das ist mir egal. Ich werde zwei Wochen üben. Oder? (hat eine Idee) Oder, es gibt was besseres. Ich werde mich rächen, sonst ... Oh, wenn diese Frau doch wiederkäme. (es klingelt) Es hat geklingelt. Das ist sie! Los, die Tür! (ab)
SZENE 6
HECTOR, EMMA
HECTOR:    (sehr aufgeregt) Kommen Sie herein Madame, schnell.
EMMA:    (tritt lachend ein)
Ah, Monsieur, das war lustig!
HECTOR:    Bitte, Madame, lachen Sie jetzt nicht.
EMMA:    Was gibt es denn?
HECTOR:    Madame, was Sie gerade von mir verlangt haben, jetzt will ich es - ausdrücklich. Kommen Sie zum Fenster.
EMMA:    Ja, nun, aber ich will nicht mehr!
HECTOR:    Wie? Sie wollen nicht. Aber ich will es. Sehen Sie doch, ich muss mich rächen. Sie soll meine Rache spüren, Auge um Auge, Zahn um Zahn und Fleischerhaken um Fleischerhaken.
EMMA:    (mokiert, belustigt) Aber, Monsieur.
HECTOR:    (marschiert auf sie zu) Kommen Sie, Madame, kommen Sie zum Fenster, ich umarme Sie, ich bedecke Sie mit Küssen, ich reiße Sie auf! Endlich!
EMMA:    (zieht sich zurück, etwas erschreckt) Ah, Sie sind verrückt geworden?
HECTOR:    (geht zum Fenster) Nun, sehen Sie denn nicht, dass meine Frau mich betrügt? Sie ist bei Ihrem Gatten, Ihrem Alcibiade!
EMMA:    Ihre Frau! Sie machen Witze!
HECTOR:    Ich würde gerne Witze machen. Aber ich habe ihr Kleid gesehen.
EMMA:    Ihr Kleid? Nein, Sie sind völlig durcheinander. Das ist das neue Dienstmädchen.
HECTOR:    Ach, was, Madame, ich habe doch Augen im Kopf.
EMMA:    Aber doch. Ganz bestimmt. Eine "Rose", die Sie kennen. Sie kommt von Ihnen.
HECTOR:    Rose, unser Ex-Dienstmädchen?
EMMA:    Aber, ja. Als ich nicht da war, hat mein Gatte sie empfangen. Mehr nicht! Sind sie jetzt überzeugt?
HECTOR:    Ah, Madame, mir fällt ein Stein vom Herzen!
EMMA:    Ja, so werden Sie eifersüchtig, Männer! Einfach so, ohne Grund.
HECTOR:    (steht auf) Aber, Madame, das Kleid ... des Dienstmädchens ... ach, ich erinnere mich, meine Frau hat es ihr gegeben. (fällt zurück auf seinen Sitz) Ah, Madame, wie schön! Das ist ja wie ... Schokoladensauce auf die Seele. Und ich habe meine arme kleine Frau verdächtigt! Oh, ich werde Sie um Verzeihung bitten.
EMMA:    Ja, und zu Recht, Monsieur! Das hat mein Gatte auch getan - und ich habe ihm verziehen.
HECTOR:    Sie wollen sich also nicht mehr rächen?
EMMA:    Oh, nein. Auf keinen Fall. Übrigens, er hat uns gesehen.
HECTOR:    (erschrocken) Er hat uns gesehen?
EMMA:    Sehr wohl. Er hat mich sogar gefragt, wer die alte Dame mit der Schürze war, mit der ich mich unterhalten habe.
HECTOR:    Also wirklich! Die alte Dame! Das ist doch!
EMMA:    Ja, und ich habe gesagt, das war die Schwiegermutter einer Freundin! Ganz einfach!
HECTOR:    Schwiegermutter, ich? Das ist hart. Na, immer noch besser als der Fleischerhaken.
EMMA:    Monsieur, bitte entschuldigen Sie mich nun. Ich bin noch einmal gekommen, um mich für Ihre Mitwirkung zu bedanken.
HECTOR:    Wieso?
EMMA:    Na, ja. Ohne Sie hätte ich mich zwar gerächt, aber er hätte mich nicht um Verzeihung gebeten.
HECTOR:    Ja, das stimmt.
EMMA:    Also, Monsieur, bis später vielleicht einmal!
HECTOR:    Jawohl, Madame, stets zu Diensten. (grüßt) Madame!
EMMA:    (grüßt) Monsieur! (von unten wird geklopft) Was ist das?
HECTOR:    Das bedeutet nichts! Das ist die Mieterin von unten, die klopft ein Schnitzel. (zur Seite) Morgen ziehe ich hier aus. (laut) Madame!
EMMA:    (grüßt) Monsieur!
VORHANG

FEYDEAU, Georges – Par la fenêtre

Wikipedia Georges Feydeau


Donnerstag, 11. Juni 2015

Theater spielen - Was ist los?

Der Text im Skript ist eine Hilfe für das Theater-Spiel. Der Text im Skript muss durch (erkennbare) Aktionen ergänzt werden. Hier liegt die Aufgabe des Schauspielers. Bei Anfängern muss der Regisseur noch helfen. Analysieren wir einmal die kurze Sequenz "Was ist los?"
Es genügt nicht, den Text einfach aufzusagen. Der Zuschauer will mehr sehen. Der einfache Text aus dem Skript könnte so durch Aktionen verständlich gemacht werden:

  • Die Schauspielerin ist beschäftigt. Womit? Vor jeder Aktion ist immer eine Aktion (es gibt nur eine Ausnahme).
  • Sie wird bei der aktuellen Aktion gestört - das will der Zuschauer sehen bzw. hören..
  • Sie versucht zu begreifen, was los ist - das will der Zuschauer sehen.
  • Sie kann das Problem nicht sofort lösen - das will der Zuschauer sehen.
  • Sie entscheidet sich zu fragen - das will der Zuschauer sehen.
  • Sucht einen Ansprechpartner - das will der Zuschauer sehen.
    • Spricht den Skripttext: "Was ist los?" 
    • Agiert den Subtext: "Könnt Ihr den überhaupt nichts alleine machen?" 
    • Kennt den Metatext: "Diese Szene soll auf einen handfesten Familenkrach hinaus laufen."
    • Aktion: Mit welcher Bewegung im Raum, Mimik und Gestik wird der Text unterstützt?

Für die Ausgestaltung des Texte ist der Schauspieler - in Abstimmung mit der Regie - verantwortlich. Amateurschauspieler brauchen gelegentlich etwas mehr Unterstützung durch die Regie.

Tagebuch eines Dienstmädchens nach Octave Mirbeau


Szene aus "Tagebuch eines Dienstmädchens" nach Octave Mirbeau (1848 - 1917) übertragen von H.-G. Küster (2015)

AM BAHNHOF
LOUIS, CELESTINE
LOUIS:         Sind Sie das neue Mädchen für Madame Rabour?
CELESTINE:     Ja, das bin ich.
LOUIS:         Haben Sie einen Koffer?
CELESTINE:     Ja, ich habe einen Koffer.
LOUIS:         Geben Sie mir Ihren Gepäckschein und warten Sie hier.
CELESTINE:     (beiseite) Die Leute nannten ihn respektvoll Louis. Er holte das Gepäck und den Wagen. Ich durfte einsteigen.
Wir fuhren zunächst schweigend über die Landstraße, schließlich fragte er mich:
LOUIS:         Haben Sie wenigstens reichlich Schuhe mitgebracht?
CELESTINE:     Natürlich. - (beiseite) Trotzdem fand ich die Frage seltsam. Die Art und Weise, wie er das sagte, war irgendwie seltsam. -  (zu LOUIS) Warum wollen Sie das wissen? - (beiseite)Er schaute mich von der Seite an und sagte:
LOUIS:         Na, tun Sie doch nicht so.
CELESTINE:     (beiseite)Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.  Na, ja, vielleicht wusste er eben nicht, wie man mit Frauen umgeht. Ich wollte das Thema nicht weiter verfolgen.

IM SALON
CELESTINE, GOUVERNANTE
CELESTINE:     (beiseite)Madame Rabour hatte ein hübsches Haus. Ich wurde schließlich von der Gouvernante in einen kleinen Salon geführt.
GOUVERNANTE:   Da Monsieur Sie noch nicht kennt, empfange ich Sie. Wir müssen schließlich erst prüfen, ob Sie Monsieur gefallen werden.
CELESTINE:     (beiseite)Ich schaute mich um. Das Zimmer war schlicht eingerichtet, aber komfortabel und - da kam Monsieur!


IM SALON MIT MONSIEUR
MONSIEUR, CELESTINE
CELESTINE:     (beiseite)Der sah lustig aus: Ein kleiner, knubbeliger Alter, rosa wie ein Püppchen. Sehr lebendig, er lief dauernd hin und her. Aber er grüßte freundlich:
MONSIEUR:      Wie heißen Sie, mein Kind?
CELESTINE:     Celestine.
MONSIEUR:      Celestine. Hm. Celestine. Ja, ein wirklich schöner Name, mein Kind. Ich werde Sie Marie nennen. Das ist auch schön - und kurz. Außerdem, alle meine Mädchen habe ich Marie genannt. Tut mir Leid, das bin ich gewohnt. Eher würde ich mein Mädchen aufgeben. ...
CELESTINE:     (beiseite) Sie haben immer diese komische Art, uns nicht bei dem richtigen Namen zu rufen. Da wundert mich nichts mehr. Ich habe schon alle Namen der Heiligen aus dem Kalender bekommen.
MONSIEUR:      Ich ... kann Sie also Marie nennen?
CELESTINE:     Aber, natürlich, Monsieur.
MONSIEUR:      Ein nettes Mädel ... umgänglich ... Gut, gut!
CELESTINE:     (beiseite) Das war eigentlich ganz respektvoll, ohne dass er mich gleich mit den Augen ausgezogen hat, wie es die meisten Herren tun.
MONSIEUR:      Haben Sie noch andere?
CELESTINE:     Andere Namen, Monsieur?
MONSIEUR:      Nein, meine Kind, andere Schuhe?
CELESTINE:     Ja, Monsieur, ich habe noch mehr.
MONSIEUR:      Mit Lack?
CELESTINE:     Ja, Monsieur.
MONSIEUR:      Gut, und auch gelbe?
CELESTINE:     Leider nicht, Monsieur.
MONSIEUR:      Die müssen Sie haben. ... Die bekommen Sie von mir.
CELESTINE:     Danke, Monsieur.
MONSIEUR:      Schon gut, ist in Ordnung. Das ist nicht schlimm. Wissen Sie, mein Kind, ich bin ein wenig ... anders ... in meinem Alter darf man das ... nicht wahr? ... Also, es ist so ... ich möchte nicht, dass eine Frau ... ihre Schuhe selbst putzt ... ich ... habe da meine Gründe ... Ich respektiere Frauen, Marie, aber ich könnte es nicht ertragen ... Also ich werde Ihre Schuhe putzen ... Ihre Schühchen, ihre süßen kleinen Schühileinchen ... Ich werde mich um sie kümmern ... jetzt hören Sie gut zu: Jeden Abend, bevor Sie schlafen gehen, bringen Sie Ihre Schuhe in mein Zimmer ... Sie stellen Sie auf das Tischchen vor meinem Bett ... und jeden Morgen, wenn Sie die Fenster öffnen, holen Sie sich Ihre Schuhe.
CELESTINE:     Oh.
MONSIEUR:      Na, ja. Das ist doch nichts schlimmes, was ich da von Ihnen verlange ... eigentlich etwas ganz natürliches ... und, wenn Sie ein bisschen nett zu mir sind ... und gehorsam, dann bekommen Sie auch ab und zu ein kleines Geschenk. Und ... was verlange ich schon? Es ist doch nichts besonderes dran!
CELESTINE:     Ah.
MONSIEUR:      Warum sagst du denn nichts, Marie? Bitte sag' doch was. Bitte, geh' doch ein paar Schritte ... sie sollen sich bewegen ... ich will sehen, wie sie leben ... deine kleinen Schühchen.
MONSIEUR BÜCKT SICH UND KÜSST IHRE SCHUHE.
MONSIEUR:      Oh! Marie, Marie, deine kleinen Schühchen ... bitte gib' sie mir ... jetzt ... ich will sie jetzt haben ... bitte.
MONSIEUR ZIEHT IHR DIE SCHUHE AUS UND SCHLIESST SICH MIT IHNEN IN SEIN ZIMMER EIN.

IM HAUS
GOUVERNANTE, CELESTINE
GOUVERNANTE:   Sie haben einen guten Eindruck hinterlassen, beim Monsieur. Machen Sie weiter so. Hier haben Sie es gut.
CELESTINE:     (beiseite)Vier Tage danach, beim Öffnen der Fenster, wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen: Monsieur war tot.
Er lag auf dem Bett, das Gesicht violett angelaufen - mit meinem Schuh zwischen den Zähnen.