Szene aus "Tagebuch eines Dienstmädchens" nach Octave Mirbeau (1848 - 1917) übertragen von H.-G. Küster (2015)
AM BAHNHOF
LOUIS,
CELESTINE
LOUIS: Sind Sie das neue Mädchen für Madame Rabour?
CELESTINE: Ja, das bin ich.
LOUIS: Haben
Sie einen Koffer?
CELESTINE: Ja,
ich habe einen Koffer.
LOUIS: Geben
Sie mir Ihren Gepäckschein
und warten Sie hier.
CELESTINE: (beiseite)
Die Leute nannten ihn respektvoll Louis. Er holte das Gepäck und den Wagen. Ich durfte einsteigen.
Wir fuhren zunächst schweigend über die Landstraße,
schließlich fragte er mich:
LOUIS: Haben Sie wenigstens reichlich Schuhe
mitgebracht?
CELESTINE: Natürlich. - (beiseite) Trotzdem fand ich die
Frage seltsam. Die Art und Weise, wie er das sagte, war irgendwie seltsam.
- (zu LOUIS) Warum wollen Sie das
wissen? - (beiseite)Er schaute mich von der Seite an und sagte:
LOUIS: Na,
tun Sie doch nicht so.
CELESTINE: (beiseite)Ich
wusste nicht, was ich davon halten sollte.
Na, ja, vielleicht wusste er eben nicht, wie man mit Frauen umgeht. Ich
wollte das Thema nicht weiter verfolgen.
IM
SALON
CELESTINE, GOUVERNANTE
CELESTINE: (beiseite)Madame Rabour
hatte ein hübsches Haus. Ich wurde
schließlich von der Gouvernante in einen kleinen Salon geführt.
GOUVERNANTE: Da Monsieur Sie noch nicht kennt, empfange
ich Sie. Wir müssen
schließlich erst prüfen, ob Sie Monsieur gefallen werden.
CELESTINE: (beiseite)Ich
schaute mich um. Das Zimmer war schlicht eingerichtet, aber komfortabel und -
da kam Monsieur!
IM
SALON MIT MONSIEUR
MONSIEUR, CELESTINE
CELESTINE: (beiseite)Der sah lustig
aus: Ein kleiner, knubbeliger Alter, rosa wie ein Püppchen. Sehr lebendig, er lief dauernd hin
und her. Aber er grüßte freundlich:
MONSIEUR: Wie heißen Sie, mein Kind?
CELESTINE: Celestine.
MONSIEUR: Celestine.
Hm. Celestine. Ja, ein wirklich schöner Name, mein Kind. Ich werde Sie Marie nennen. Das ist auch
schön - und kurz. Außerdem, alle meine Mädchen habe ich Marie genannt. Tut mir
Leid, das bin ich gewohnt. Eher würde ich mein Mädchen aufgeben. ...
CELESTINE: (beiseite)
Sie haben immer diese komische Art, uns nicht bei dem richtigen Namen zu rufen.
Da wundert mich nichts mehr. Ich habe schon alle Namen der Heiligen aus dem
Kalender bekommen.
MONSIEUR: Ich
... kann Sie also Marie nennen?
CELESTINE: Aber,
natürlich, Monsieur.
MONSIEUR: Ein
nettes Mädel ... umgänglich ...
Gut, gut!
CELESTINE: (beiseite)
Das war eigentlich ganz respektvoll, ohne dass er mich gleich mit den Augen
ausgezogen hat, wie es die meisten Herren tun.
MONSIEUR: Haben
Sie noch andere?
CELESTINE: Andere
Namen, Monsieur?
MONSIEUR: Nein,
meine Kind, andere Schuhe?
CELESTINE: Ja, Monsieur, ich habe noch mehr.
MONSIEUR: Mit
Lack?
CELESTINE: Ja,
Monsieur.
MONSIEUR: Gut,
und auch gelbe?
CELESTINE: Leider
nicht, Monsieur.
MONSIEUR: Die
müssen Sie haben. ... Die
bekommen Sie von mir.
CELESTINE: Danke,
Monsieur.
MONSIEUR: Schon
gut, ist in Ordnung. Das ist nicht schlimm. Wissen Sie, mein Kind, ich bin ein
wenig ... anders ... in meinem Alter darf man das ... nicht wahr? ... Also, es
ist so ... ich möchte
nicht, dass eine Frau ... ihre Schuhe selbst putzt ... ich ... habe da meine Gründe
... Ich respektiere Frauen, Marie, aber ich könnte es nicht ertragen ... Also
ich werde Ihre Schuhe putzen ... Ihre Schühchen, ihre süßen kleinen Schühileinchen
... Ich werde mich um sie kümmern ... jetzt hören Sie gut zu: Jeden Abend,
bevor Sie schlafen gehen, bringen Sie Ihre Schuhe in mein Zimmer ... Sie
stellen Sie auf das Tischchen vor meinem Bett ... und jeden Morgen, wenn Sie
die Fenster öffnen, holen Sie sich Ihre Schuhe.
CELESTINE: Oh.
MONSIEUR: Na,
ja. Das ist doch nichts schlimmes, was ich da von Ihnen verlange ... eigentlich
etwas ganz natürliches
... und, wenn Sie ein bisschen nett zu mir sind ... und gehorsam, dann bekommen
Sie auch ab und zu ein kleines Geschenk. Und ... was verlange ich schon? Es ist
doch nichts besonderes dran!
CELESTINE: Ah.
MONSIEUR: Warum
sagst du denn nichts, Marie? Bitte sag' doch was. Bitte, geh' doch ein paar
Schritte ... sie sollen sich bewegen ... ich will sehen, wie sie leben ...
deine kleinen Schühchen.
MONSIEUR BÜCKT
SICH UND KÜSST IHRE SCHUHE.
MONSIEUR: Oh! Marie, Marie, deine kleinen Schühchen ... bitte gib' sie mir ... jetzt ...
ich will sie jetzt haben ... bitte.
MONSIEUR ZIEHT IHR DIE SCHUHE AUS UND SCHLIESST SICH MIT IHNEN
IN SEIN ZIMMER EIN.
IM HAUS
GOUVERNANTE,
CELESTINE
GOUVERNANTE: Sie haben einen guten Eindruck hinterlassen,
beim Monsieur. Machen Sie weiter so. Hier haben Sie es gut.
CELESTINE: (beiseite)Vier Tage danach, beim Öffnen der Fenster,
wäre ich beinahe in
Ohnmacht gefallen: Monsieur war tot.
Er lag auf dem Bett, das Gesicht violett
angelaufen - mit meinem Schuh zwischen den Zähnen.
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