Donnerstag, 23. Juli 2015

Cold Reading üben mit: "Schlag mich doch einfach tot!" zum Thema "Szenen einer Ehe"

Schlag mich doch einfach tot!
nach Barrie: Eine halbe Stunde 1. Akt
Dramatis Personae
RICHARD:        Banker
LADY LILIAN:    seine Frau
Auf der Bühne stehen ein Stuhl für den Banker und ein Stuhl als Sofa für LADY LILIAN.
(RICHARD, ein Banker und Emporkömmling, zieht seine Frau heftig am Arm auf die Bühne.)
LADY LILIAN: Warum schlägst du mich nicht einfach? Ich bin nur eine Frau und wir haben keine Zeugen.
RICHARD: Eine Frau! Du sinnloses Wesen … eine Frau bist du bestimmt nicht! (schubst sie auf das Sofa)
LADY LILIAN: Wie stark du bist, mein Gatte! Ich muss dich einfach lieben. Nun, jetzt weißt du, warum ich dich liebe. Und warum liebst du mich? (nimmt ihren Hut ab) Schau, was du mir angetan hast. Also ehrlich, ich bin nicht sicher, ob grün-blau meine Farbe ist. Was meinst du denn? Welche Farbe steht mir, Richard?
RICHARD: Pass auf!
LADY LILIAN: Sag' mir doch einfach, warum du dieses Theater hier veranstaltest.
RICHARD: Genau das ist Theater. Was haben wir uns noch zu sagen?
LADY LILIAN: Sicher, aber das wussten wir schon vorher.
RICHARD: Genau. Und das habe ich auch deinem Vater gesagt.
LADY LILIAN: Ach, sag' mal, wie viel hast du Papi eigentlich für mich gegeben?
RICHARD: Na, insgesamt wohl 20.000 Dollar.
LADY LILIAN: Oh, das wertet mich ja mächtig auf.
RICHARD: Wärst du billiger gewesen, hätte ich dich nicht genommen.
LADY LILIAN: Das ist genau mein Richard. Aber da waren noch andere Tussis, die noch teurer waren! Wieso musste ich es gerade sein?
RICHARD: Eine Familie mit einem guten Stammbaum macht einiges her. Dann deine Schmalzaugen und deine Verachtung haben mich wohl wild gemacht.
LADY LILIAN: Ich habe gewonnen!
RICHARD: Oh, ich habe dich nicht gezwungen, zu kommen!
LADY LILIAN: Stimmt. Dein Geld hat mich überzeugt.
RICHARD: Genau so.
LADY LILIAN: Es tut mir Leid, Richard, für uns beide.
RICHARD: Booh.
LADY LILIAN: Ich war aber immer ehrlich. Ich habe mich immer nur für dein Geld interessiert.
RICHARD: So sollte es auch sein.
LADY LILIAN: Wieder typisch Richard. Vielleicht bin ich wenigstens ein wenig entlastet.
RICHARD: Schleimer.
LADY LILIAN: Sag' mal, warum beenden wir das alles nicht?
RICHARD: (wütend) Weißt du, mit wem du hier sprichst? Mit meinem Namen in der Finanzwelt?!
LADY LILIAN: Natürlich. Aber Richard, ist dir nie der Gedanke gekommen, dass ich ... vielleicht einmal?
RICHARD: Nie im Leben!
LADY LILIAN: Du bist ganz schön vertrauens ... selig.
RICHARD: Ja, das bin ich.
LADY LILIAN: Darf ich fragen, wieso?
RICHARD: Ich habe das Geld.
LADY LILIAN: Oh, ich verstehe.
RICHARD: Du hast ein tragisches Schicksal, nicht wahr?
LADY LILIAN: Tragischer als du jemals begreifen kannst.
RICHARD: Du warst zu jung zum Denken, als ich dich bekam.
LADY LILIAN: Aber, ich hätte es schon wissen können.
RICHARD: Du weißt schon, dass du ein seltenes, exquisites Geschöpf bist.
LADY LILIAN: Das glaub' ich nicht. Aber ich wäre es schon gerne.
RICHARD: Glaubst du, du hättest einen besseren Mann bekommen können?
LADY LILIAN: Mach dich nur lustig über mich. Ich habe es nicht anders verdient.
RICHARD: Es ist wohl genau so wie sie sagen.
LADY LILIAN: Wer?
RICHARD: Die Weicheier, die vom Geld ihrer Eltern leben.
LADY LILIAN: Und wenn ich sie frage?
RICHARD: Dann hättest du vielleicht eine einzige Träne im Auge, die ist genauso viel wert, wie die Träne, wenn du dein Bankkonto überzogen hast.
LADY LILIAN: He, du hast mich ja durchschaut!
RICHARD: Das glaube ich auch, Lilian. Versuche nicht, eine Heldin zu sein. Damit kommst du nicht klar.
LADY LILIAN: Fehlt mir etwa der Mut?
RICHARD: Du hast genauso viel Mut, wie die französischen Dandys auf dem Weg zur Guillotine. Aber, wenn es um das Leben geht, meine Liebe, dann musst du von unsereins leben.
LADY LILIAN: Oh, und wenn ...
RICHARD: Wenn du es mir zeigen willst? Ich bin nicht nervös. Du wirst wohl immer gewinnen. Ich habe dich durchschaut.
LADY LILIAN: (hitzig) Und, wenn ich es täte?
RICHARD: Wenn du das tust ... wenn du versuchst mich hereinzulegen ... (erfasst ihr Handgelenk)
LADY LILIAN: Nimmst du das Messer, Richard, oder Desdemonas Kissen?
RICHARD: Wenn du mir Schande machst, bevor ich dich vor die Türe gesetzt habe, dann breche ich dir den Hals.
LADY LILIAN: Wenn ich das täte, würde ich nicht meinen Hals hinhalten.
RICHARD: Dann gnade dir Gott!
LADY LILIAN: Wenn du mir jetzt den Hals brechen willst, dann lass bitte meinen Arm los!

Mittwoch, 22. Juli 2015

Cold Reading

Was ist Cold Reading im Theater?

Beim Cold Reading bekommen Sie fünf Minuten Vorbereitungszeit für ein zehn Seiten langes Skript.
Cold Reading wird gebraucht:
  • Beim Probelesen im Schul- und Amateurtheater, im Vorlesetheater bei kurzfristig angesagten Vorstellungen,
  • bei szenischen Veranstaltungen in kleinem Kreis, z. B. bei Geburtstagen, Halloween oder Adventsveranstaltungen und
  • beim Casting für kommerzielle Produktionen. So kann der Regisseur vielleicht prüfen wollen, ob Sie für eine andere Rolle geeignet sind.
Sie machen bestimmt einen guten Eindruck, wenn Sie die Goldene Regel des Cold Reading im Theater beachten.

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Die Goldene Regel des Cold Reading:

Schauen Sie Ihre Mitspieler an, während diese sprechen.
Sie dürfen auf keinen Fall auf den eigenen Text schauen, sie müssen sich an der Szene beteiligen und aufschauen.
Dafür dürfen Sie aber auf den eigenen Text schauen, wenn Sie selbst an der Reihe sind. Sie müssen den eigenen Text nicht auswendig können.
Bei dem Blick auf das Blatt können Sie das Spiel mit Mimik, Körperhaltung und ggfs. mit einer freien Hand begleiten. Am Ende des Textes heben Sie den Kopf und hören den anderen Mitspielern zu - Sie sind wieder im Spiel - jetzt ohne Text.
Sie achten auf die anderen Schauspieler, schauen diese an und geben zu erkennen, dass Sie mitspielen.
Sobald die Mitspieler nicht mehr sprechen, kehren Sie zu dem eigenen Text zurück.
Den linken Daumen verwenden Sie als Markierung: Er bewegt sich in der Geschwindigkeit des Flusses der Szene nach unten. Damit wird die rechte Hand für Gesten frei. Alternativ geht die rechte Hand mit dem Daumen langsam nach oben - somit kann das Blatt mit beiden Händen gehalten werden.
Mit dieser Technik können die Übergänge dann so flüssig sein, dass es dem Zuschauer gar nicht auffällt, dass der Text nur vorgelesen wird.
Die anderen Schauspieler in der Szene machen das beim Cold Reading genauso.

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Die letzten guten Ratschläge

Nicht das Gesicht verdecken. Das ist wirklich wichtig. Man hat den Text in der Hand und darf ablesen. Dann liegt die Versuchung nahe, den Text vor das Gesicht zu halten. Das geht auf keinen Fall, die Regie bzw. die Zuschauer wollen Ihr Gesicht sehen!
Bewegen Sie sich, wenn es die Szene hergibt. Noch einmal: sich niemals mit dem eigenen Text beschäftigten, wenn die anderen sprechen. Die eigene Leistung liegt im Reagieren auf die anderen Mitspieler.
Üben Sie das Lesen regelmäßig. Der Umgang mit dem Papier und der Kontakt zu den Mitspielern muss automatisch ablaufen. Es muss ohne Nachdenken funktionieren.
Trainieren Sie diese Technik bei kurzfristig angesagten Veranstaltungen.
Erweitern Sie Ihr Repertoire mit interessanten Texten, die Sie vielleicht einmal wiederverwenden möchten.
Es gibt viele Möglichkeiten eine Szene oder einen Monolog zu gestalten. Vielleicht schlägt die Regie Ihnen einen anderen Weg vor. Greifen Sie ihren Vorschlag auf und zeigen Sie, dass Sie ein Team-Player sind.
Mit Kreativität, guter Lesetechnik und professionellem Verhalten wird die Lesung bzw. das Casting ein Erfolg sein!
Hals- und Beinbruch!


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