Mittwoch, 17. Juni 2015

Öffentliche Proben

Warum sind öffentliche Proben wichtig?
Bei einer Theateraufführung wollen die Zuschauer eine interessante Story verständlich sehen und hören.
Bei einer normalen Probe übernimmt der Regisseur die Rolle der Öffentlichkeit und überprüft, ob die Story interessant und visuell und akustisch verständlich ist. Die Zuschauer wollen das Spiel sehen und hören.
Die Schauspieler brauchen aber Rückkopplung für die Wirkung des Spiels. Sie müssen fühlen, wie das Spiel wirkt. Sie müssen die Wirkung auf das Publikum spüren können. Das sollte nicht erst bei der Generalprobe sein.
Hier ist die öffentliche Probe wichtig.

 Ist die öffentliche Probe eine normale Probe?
Die Szene ist für die öffentliche Probe weitgehend vorbereitet. Es geht eher um die Feinabstimmung, um das Gefühl, wie die Szene mit Publikum wirkt.
Wie kann das Publikum helfen?
Das Publikum verhält sich wie jedes normale Publikum auf der Welt. Es kommt pünktlich und erwartet eine besondere, großartige Geschichte.
Im Anschluss an die Präsentation kann das Publikum an die Schauspieler und die Regie Fragen stellen und Anregungen geben.
Wird der Regisseur eingreifen?
Bei einer öffentlichen Probe greift er eigentlich nur bei technischen Problemen ein. Ansonsten ist das persönliche Gespräch am Ende der Szene üblich.

Dienstag, 16. Juni 2015

Text lernen - Eine Anregung von Erika Kapeller

Also, ich hatte mal "ziemlich vor einiger Zeit" eine Kollegin, die ihre Passagen auf die gute alte Kassette gesprochen hat - mit Lücken, wo sie dann bevorzugt während des Autofahrens ihren Text rein gesprochen hat. Auch originell, finde ich. Es gibt nun mal verschiedene Lern-Typen: Akustische, optische (auf welcher Seite, an welcher Stelle steht im Skript mein Text...) - Lernen im Zusammenhang mit Bewegung ist immer gut und förderlich, also geht ruhig mal auch zu Hause mit eurem Textbuch in der Hand auf und ab.

Post von Erika Kapeller auf facebook in der öffentlichen Gruppe Bühnen-Autoren-Regisseure zum Thema “Wie lernt ihr euren Text?” von Anke Kemper.

Sonntag, 14. Juni 2015

Machen Sie mich an! nach Georges Feydeau


Hector, ein Advokat, freut sich auf sein Frühstück. Endlich einmal ganz in Ruhe, weil seine Frau ihn verlassen hat. Aber Emma, die Nachbarin von gegenüber, stört seine Ruhe mit einer besonderen Bitte. Sie hat ein sehr delikates Anliegen.

SZENE 1
HECTOR
Gedeckter Tisch, Stuhl, Fenster, Tür
DER VORHANG GEHT AUF. HECTOR MIT BART IN HEMDSÄRMELN UND WEISSER RÜSCHENSCHÜRZE HAT GERADE DEN TISCH GEDECKT

HECTOR:    So, also! Für den Anfang! Gar nicht so schlecht! Ah! Ich bin sicher, wenn mich jemand mit meiner weißen Rüschenschürze und meinem Bart sieht, der würde sofort denken, ich wäre ... Nein, überhaupt nicht! Ich bin Advokat! Ehrenwort! Ich bin das nicht Schuld. Mon Dieu, nein. Mama wollte das. Eines Tages, bei meiner Amme, ich war gerade acht Monate alt ... daran werde ich mich immer erinnern ... Mama, nachdem sie mich von oben bis unten angeschaut hatte ... rief aus: "Er wird Advokat!" Und nun bin ich Advokat ... bitte! Genauso habe ich geheiratet. Das war nicht meine Schuld! Mon Dieu! Nein ... auch das wollte Mama ... sie hat mir gesagt "Hier ist die Frau, die du brauchst." Ich habe "ja" gesagt und ich beklage mich nicht. Mein Frau sieht wirklich hübsch aus! ... aber sie ist eifersüchtig! So eifersüchtig, dass sie mir gestern Morgen eine fürchterliche Szene gemacht hat ... als ich Rose angesprochen habe ... unser Dienstmädchen. Ich habe ihr Anweisungen gegeben ... Am Abend, als ich meine Pantoffeln brauchte, habe ich an meiner Frau vorbei der Rose gesagt: "Holen Sie meine Pantoffeln!!!" So sollte meine Frau nicht mitkriegen, dass ich Rose zublinzelte. Oh weh! Ist sie da böse geworden. Sie sagte, dass ich Anweisungen vor ihren Domestiken gebe! Dann ist sie zum Schlafen zu ihrer Mutter gegangen - nachdem sie Rose raus geworfen hatte. Also bin ich seit gestern Abend alleine im ehelichen Domizil. Allein, aber immer unter der Kontrolle von Madame Klatschbase, die Mieterin von unten. Die sagt meiner Frau immer Bescheid, wenn ich gegangen bin, welche Besucher ich empfangen habe usw. usw.
(ZUM BODEN)
Ja, regen Sie sich nur auf! Was Madame Klatschbase? Ich habe niemanden empfangen und ich bin nicht weggegangen.
(GEHT ZUM TISCH)
Und jetzt das Frühstück ... Das Frühstück ohne meine Frau! Egal! ... Ich liebe sie, ich bete sie an! Ich würde mein Leben für sie geben ... Aber ich will nicht vor Hunger sterben ... Wenn man gut frühstückt, kann man nicht mehr vor Hunger sterben.
(ES KLINGELT)
Oh! Die Klingel! Wer könnte das sein? Ich erwarte niemanden.
(NOCH EINMAL DIE KLINGEL)
Oh! Das ist meine Frau. Das erkenne ich an der Klingel.
(ES KLINGELT WEITER)
Ja! Ja!
(AB)
SZENE 2
HECTOR, EMMA
EMMA:    (sehr erregt) Was soll das! Hören Sie mich denn nicht!
HECTOR:    (gnädig) Sicher, Madame, aber ..
EMMA:    (nachäffend) Sicher, Madame, aber .. Dummkopf, los!
(GEHT AN IHM VORBEI ZUM FENSTER UND SCHAUT DURCH DIE FENSTER SCHEIBE)
HECTOR:    (zur Seite) Wenn sie dazu hierhin gekommen ist ...
(laut) Pardon, Madame, aber ...
EMMA:    (sie lässt sich nicht stören) Der Patron. Aber schnell!
HECTOR:    Der Patron? Das bin ich, Madame.
EMMA:    (hebt die Schulter) Wie? Sie sind das! Ach, sie sind nicht ganz ...!
HECTOR:    (zieht seine Schürze aus und seine Robe an)Doch, Madame, ich bin der Advokat!
EMMA:    (dreht sich um) Der Advokat?
HECTOR:    Sehr wohl, Madame.
EMMA:    (herablassend) Wie, Sie sind der ... ?
HECTOR:    Jawohl, Madame.
EMMA:    Oh! Monsieur! Entschuldigen Sie, ich habe sie für ... na, ja ... gehalten.
HECTOR:    (gnädig)Oh! Mon Dieu, wenn man sich nicht kennt!
EMMA:    Bitte akzeptieren Sie meine Entschuldigung!
HECTOR:    (grüßend) Oh! Madame! ... stehe zu Diensten. Dürfte ich erfahren, warum ich die Ehre habe?
EMMA:    Bitte schön, Monsieur.
(ZIEHT DEN HUT AB UND DEN MANTEL AUS, LEGT ALLES EINEN STUHL)
HECTOR:    (zur Seite) Eh! Nun! Sie bleiben? Sapristi! ... ich habe noch nicht einmal gegessen.
EMMA:    (sehr erregt) Monsieur! ...
HECTOR:    Madame! ...
EMMA:    Sind Sie ein Ehrenmann? [kann man Ihnen vertrauen?]
HECTOR:    Wie, bitte, Madame?
EMMA:    (insistiert) Sind Sie ein ehrlicher Mensch?
HECTOR:    Mein Gott! Madame, es gibt solche und solche. Ich heiße Hector Bouchard.
EMMA:    Oh! Sie verstehen mich nicht! Ich meine ... moralisch ...
HECTOR:    Ah, moralisch! Mon Dieu, natürlich Madame, ich bin durch und durch ein Ehrenmann. (zur Seite) Was soll das werden?
EMMA:    Ich möchte Sie um einen Dienst bitten! (schaut zum Fenster.)
HECTOR:    (zur Seite) Teufel, ich bin schon zu weit gegangen!
EMMA:    Einen großen ...
HECTOR:    (zur Seite) Einen großen? Aber Sacrebleu! Ich kenne die Dame doch gar nicht. Und, ... wenn meine Frau jetzt kommt.
EMMA:    Monsieur, ich bin verheiratet.
HECTOR:    Gut, Madame! (zur Seite) So, jetzt geht es mir besser. (laut)Bitte setzen Sie sich doch.
SIE SETZEN SICH RECHTS AN DEN TISCH
EMMA:    Ich habe einen Gatten, Monsieur!
HECTOR:    Natürlich!
EMMA:    Wieso natürlich?
HECTOR:    Ich sage natürlich, weil ... Sie sind doch verheiratet. (zur Seite) Und mein Essen wird kalt!
EMMA:    Ja, ich habe einen Gatten! Einen eifersüchtigen Gatten! Er sucht Streit! Er macht mir Szenen.
HECTOR:    Ah, ich verstehe.
EMMA:    Sie verstehen?
HECTOR:    Vollständig! Sie werden meine Dienste in Anspruch nehmen wollen.
EMMA:    Sie haben es erraten.
HECTOR:    (nimmt ein Gesetzbuch in die Hand) Gerne, Madame! Mal sehen! Hat Ihr Gatte sie betrogen? Haben Sie Briefe oder sonst irgendeinen Beweis, den Sie gegen ihn verwenden können?
EMMA:    Gegen Ihn? Beweise? Was soll das? Was denken Sie?
HECTOR:    Aber, Madame, ich dachte ... ich dachte Sie wollten sich scheiden lassen ... und als Advokat ...
EMMA:    Ich? Mich scheiden lassen? Das habe ich nicht gesagt. Ich liebe meinen Gatten, jawohl, Monsieur.
HECTOR:    Gut. Umso besser. Aber ... Was wollen Sie? Worüber beklagen Sie sich?
EMMA:    Ich beklage mich, weil mein Mann so eifersüchtig ist.
HECTOR:    Ja, aber das bin ich doch nicht schuld. (zur Seite) Warum erzählt sie mir das eigentlich?
EMMA:    (erhebt sich, indigniert) Aber, Monsieur, er hat überhaupt keinen Grund dazu. Verstehen Sie das? Er hat keinen Grund! Das kann man mir wirklich nicht vorwerfen!
HECTOR:    Aber, Madame, ich möchte darauf hinweisen, dass ich das nicht gesagt habe. (zur Seite) So langsam geht sie mir auf die Nerven, also ehrlich.
EMMA:    (geht zum Fenster und sagt theatralisch) Er will mich angreifen! Ich soll ihn betrogen haben! Mir Szenen machen! Mir sagen, dass ich ihn nicht liebe, dieser undankbare Mensch!
HECTOR:    (zur Seite, geht zum Tisch) Auch das noch! Sie will einfach nicht gehen! Ich sterbe vor Hunger!
EMMA:    (entschlossen, kommt auf Hector zu, sie sind durch den Tisch getrennt) Monsieur, ich bin zu Ihnen gekommen, weil Sie mein Nachbar sind, weil Sie genau gegenüber wohnen.
HECTOR:    Das ehrt mich, Madame. (zur Seite9 Wird sie jetzt die ganze Nachbarschaft ablaufen?
EMMA:    (setzt sich auf den Stuhl beim Fenster) Und jetzt Monsieur, machen Sie mich bitte an!
HECTOR:    (zur Seite) Waas? ... ich soll ... ? Sie ist nicht ganz dicht!(laut) Bitte! Sie verlangen, dass ich ...
EMMA:    (graziös erhebt sie sich und bewegt sich auf ihn zu) Ich bitte Sie, Monsieur! ... Aber zuvor sollen Sie sich über meine Gefühle Ihnen gegenüber im Klaren sein.
HECTOR:    (grüßt mit etwas Überheblichkeit) Oh! Madame!(zur Seite) Wir haben hier eine romantische Frau! Eine Julia auf der Suche nach ihrem Romeo!
EMMA:    (graziös, ein wenig geniert) Monsieur! Sie sind hässlich ...
HECTOR:    Was?
EMMA:    (affektiert) Unterbrechen Sie mich nicht! ... Sie sind hässlich, primitiv, Sie sehen aus wie ein Tier, Sie haben einen Bauchansatz, Sie gefallen mir überhaupt und ganz und gar nicht.
HECTOR:    (erschüttert) Mon Dieu! Madame ... sie sind doch liebenswürdig ... ja! ... ich ... (zur Seite) Irgendwie finde ich ihre Komplimente ein wenig grob.
EMMA:    (immer noch affektiert) Schauen Sie sich doch einmal Ihr Gesicht an!
HECTOR:    (pikiert) Ich bin nicht geschminkt.
EMMA:    Ach, was sagen Sie! Ich bin Impressionistin! Übrigens, ich mache das hier ... damit Sie sich nicht etwa einbilden ... ich würde sie mögen.
HECTOR:    Madame, das steht außer Frage.
EMMA:    Ah, die Männer bilden sich schnell etwas ein!
HECTOR:    Die macht mich fertig.
EMMA:    (entschieden) Nun, jetzt, wo wir das klar gestellt haben, wissen Sie woran Sie sind. Fangen wir an! Machen Sie mich an! (setzt sich wieder auf den Stuhl)
HECTOR:    Aber, Madame, das ist doch nicht ihr Ernst. Geben Sie zu, das ist ein Witz.
EMMA:    Auf keinen Fall!
HECTOR:    Nun gut! Sie wollen mir weismachen ... Ach! Hören Sie mit dieser Komödie auf und sagen Sie mir, worauf Sie hinaus wollen.
EMMA:    Ich will, dass Sie mich anmachen. Hier! (zeigt auf den Platz auf dem sie sich befindet)
HECTOR:    Aber, Madame, ich habe keine Gefühle für Sie.
EMMA:    (erhebt sich und kommt lebhaft auf ihn zu) Na und! Glauben Sie etwa, ich hätte welche?
HECTOR:    Aber, ich kenne Sie ja gar nicht.
EMMA:    Ich sie auch nicht.
HECTOR:    Aber ich bin verheiratet.
EMMA:    Ich auch.
HECTOR:    (wütend)Jetzt reicht es mir! (zurück, oberhalb des Tisches)
EMMA:    (geht nach rechts) Schauen Sie, Monsieur, was ich von Ihnen verlange ist doch ganz einfach. Sie verstehen einfach nicht, dass ich meinem Gatten eine Lektion erteilen will. Ich will mich rächen für seine ewigen Szenen, seine Angriffe ... und ich bitte Sie, mir zu helfen. Verstehen Sie denn nun endlich?
HECTOR:    (oberhalb des Tisches)Ich ... wenn ich ... überhaupt nichts. (nimmt ein Stück Brot und schlingt es heimlich herunter)
EMMA:    (zur Seite)Männer! ... Entweder dumm oder eifersüchtig. (laut) Egal! Das macht nichts! Fangen wir an ... Kommen Sie zum Fenster. (will das Fenster öffnen)
HECTOR:    (flüchtet nach ganz rechts) Was? Was machen Sie, Madame?
EMMA:    Das sehen Sie doch ... ich öffne das Fenster.
HECTOR:    Aber es ist eiskalt!
EMMA:    Na, und. Machen Sie Feuer! Sie haben ja wohl keins mehr.
HECTOR:    Es ist seit gestern Abend aus. Wieso soll ich das anmachen, wenn das Fenster auf ist! Wir haben fünf Grad über Null. Also, bitte Madame, bitte schließen Sie das Fenster. (zur Seite) Die Frau ist bescheuert.
EMMA:    (zeigt auf das Fenster gegenüber) Schließen? Und wie soll Alcibiade uns dann sehen? ... Na?
HECTOR:    Welcher Alcibiade? Der Klassiker?
EMMA:    (spöttisch) Ein Klassiker? Mein Mann?
HECTOR:    Nein, ich will mich nicht über ihn lustig machen.
EMMA:    (kommt auf Hector zu, drohend) Vergessen Sie nicht, dass Sie mit seiner Frau sprechen!
HECTOR:    (entsetzt) Was? Mit wessen Frau? Ach, von ihrem Mann ... mit Alcibiade. Ich verstehe. Schließen Sie das Fenster!
EMMA:    (zur Seite)(verzweifelt) Ist der dumm! Also ehrlich! (kehrt zum Fenster zurück)
HECTOR:    (zur Seite) Die ist ja völlig verdreht. (laut und bestimmt) Madame, wenn Sie darauf bestehen, diese Fenster offen zu lassen, dann werde ich ... mich erkälten.
EMMA:    Gut, ich habe Taschentücher dabei. Also, los! (zieht ihm am Ärmel und schleppt ihn zum Fenster)
HECTOR:    (zur Seite) Ich dreh' durch. (laut) Darf ich mir den wenigstens noch was um meinen Hals tun?
EMMA:    Bitte, mein Umhang, das ist Pelz. (legt ihm ihren Umhang über die Schulter) So, jetzt fangen wird an ... schnell ... bitte. (setzt sich hin)
HECTOR:    (fällt auf den Sitz) Du meine Güte! Wann bekomme ich mein Essen?
EMMA:    (erhebt sich) Was, Monsieur! Sie haben noch nicht gegessen? Warum haben Sie das denn nicht gesagt? Das tut mir ja so Leid. (geht vor dem Tisch vorbei) Ach, bin ich dumm. Das hätte ich bei diesem Tisch doch merken müssen. Oh, bitte entschuldigen Sie. Monsieur, schnell, zu Tisch, zum Frühstück. (setzt sich hin)
HECTOR:    (verblüfft, zur Seite) Wie, wir frühstücken? Ich habe sie nicht eingeladen. (laut, erhebt sich) Entschuldigen Sie, Madame, aber ...
EMMA:    (freundlich) Oh, das macht doch nichts, Monsieur, ich verzeihe Ihnen. Also, Sie kommen hierhin, auf den Ehrenplatz.
HECTOR:    (setzt sich, verblüfft) Ehrenplatz? (zur Seite) Nein, ehrlich, jetzt lädt sie mich ein.
EMMA:    Oh, es fehlt ein Gedeck. Rufen sie das Personal!
HECTOR:    Ich bin das Personal.
EMMA:    Sie sagten doch, Sie wären Advokat?
HECTOR:    Ja, das ist mein Beruf. Jetzt bin ich Dienstmädchen. Meine Frau hat ihre Perle entlassen.
EMMA:    Na, sowas. Das war bei mir genauso: Ich habe mein Dienstmädchen entlassen. Gut, da Sie nun den Dienst übernommen haben ... gehen Sie und holen Sie mir ein Gedeck.
HECTOR:    Aber, Madame.
EMMA:    Was nun? Ich, ich kann doch nicht alleine gehen. Ich weiß doch nicht, wo was ist. Also, los, machen Sie schon! (stampft ungeduldig mit dem Fuß auf)
HECTOR:    (zur Seite) Das reicht! (laut) Niemals!
EMMA:    Was sagten Sie! (stampft wieder mit dem Fuß)
HECTOR:    (zur Seite) Sapristi! Madame Klatschbase hört das doch unten. (laut) Ich sagte: Ja, natürlich gehe ich. (zur Seite) Diese Frau geht mir auf die Nerven. (geht ab)
SZENE 3
EMMA
EMMA:    (alleine, steht auf und geht zum Fenster) Ah, Monsieur, mein Gatte, Sie erlauben sich, eifersüchtig zu sein. Ah, Sie verdächtigen Ihre nette Frau, wenn sie absolut ehrenhaft ist. Ah, sie tun so, als ob man Sie täuschen würde! Und weil das so ist, sollen auch Sie  getäuscht werden. Sie sollen vor Eifersucht platzen, das wäre was. Ja, so soll wird das sein! (stampft mit dem Bein auf)
SZENE 4
HECTOR, EMMA
HECTOR:    Rumms! Da! Hier ist das Gedeck. Brrr! Es ist eiskalt, wenn man hier hereinkommt.
EMMA:    Ach, da sind Sie ja. Kommen Sie, helfen Sie mir.(greift den Tisch an einem Ende)
HECTOR:    Wie? Ich soll Ihnen helfen?
EMMA:    Ja, der Tisch muss zum Fenster.
HECTOR:    (dreht sich um und nimmt den Tisch am anderen Ende) Ah, nein, ehrlich, das reicht jetzt. (Spiel mit Kommen und Gehen am Tisch)
EMMA:    (lässt den Tisch los) Wie, Sie wollen nicht?
HECTOR:    Ja, ich will nicht. Das ist gegen den gesunden Menschenverstand. Kein Mensch nimmt sein Frühstück mitten im Februar am Fenster ein. Das ist Wahnsinn! Das ist vo..., vo..., voll daneben.(niest) Da, jetzt ist es soweit, ich bin erkältet.
EMMA:    Gott segne Sie!
HECTOR:    (zur Seite) Der Teufel soll sie holen!
EMMA:    Monsieur, ich möchte darauf hinweisen, wenn Sie zu meinem Vorschlag zugestimmt hätten, wären wir schon längst fertig.
HECTOR:    (stark erkältet) Madame, ich muss Ihnen mitteilen, auch ich ... ich ... (niest mehrere Male) Also, mich hat es erwischt. (Er legt die Serviette auf seinen Kopf und verknotet sie wie ein Halstuch.)
EMMA:    Ich warne Sie, wenn Sie nicht das tun, was ich Ihnen sage, dann sage ich Ihrer Frau, dass Sie mich anmachen wollten.
HECTOR:    Was? Sie machen Witze? Nein, das nicht! Unmöglich - das ist ja infam! (zur Seite) Frauen! Mon Dieu, Frauen! (niest)
EMMA:    (einschmeichelnd) Nun, machen Sie mit.
HECTOR:    Also, Madame, das geht nicht, denken Sie mal ...
EMMA:    Oh, ich habe nachgedacht. Mein Gatte wagt es, an mir zu zweifeln! Er muss bestraft werden ... und zwar durch seine eigene Eifersucht. Das ist meine Rache
HECTOR:    Ja, aber haben Sie denn auch die Folgen Ihres Verhaltens bedacht?
EMMA:    Ja, Parbleu! Das weiß ich genau. Er wird Sie umbringen.
HECTOR:    (erschrocken) Also, er wird mich ... ? Und was soll ich dann machen?
EMMA:    Er wird Sie umbringen. Auf jeden Fall hoffe ich, dass Sie nicht die Frechheit haben werden, meinen Mann umzubringen!
HECTOR:    Aber, Madame!
EMMA:    Das wird ein Duell auf Leben und Tod, wahrscheinlich mit ... einem Fleischerhaken. (imitiert das Aufhaken einer Schweinehälfte)
HECTOR:    Was! Ein Fleischerhaken?
EMMA:    Ja, er ist Metzger.
HECTOR:    Das ist ja fürchterlich.
EMMA:    Fürchterlich
HECTOR:    Das ist ja unglaublich.!
EMMA:    (geht auf ihn zu) Wie? Gefällt Ihnen das nicht?
HECTOR:    Mir? Nein, ganz und gar nicht! Ein Fleischerhaken. Ouah.
EMMA:    (verächtlich) Haben Sie etwa Angst?
HECTOR:    Ich war noch nie Metzger. Mir kommt alles hoch.
EMMA:    (immer noch verächtlich, geht nach rechts) Männer!
HECTOR:    Also bitte, Madame, ich habe einen anderen Vorschlag. Glauben Sie mir, bitte, reichen Sie die Scheidung ein. Das ist einfacher und - schauen Sie - auch nicht so gefährlich.
EMMA:    (geht auf ihn zu, er muss sich Richtung Fenster zurückziehen) Scheidung? Das ist doch keine Rache. Ich sagte Ihnen doch, ich liebe meinen Gatten. Ich will mich doch nur rächen. Ich will mich nicht trennen.
HECTOR:    (beim Fenster) Aber, Madame.
EMMA:    (standhaft) Nein, das brauche ich nicht. (zwingt ihn in den Sitz) Also, setzten Sie sich, reißen Sie mich auf.
HECTOR:    Niemals!
EMMA:    Ah, passen Sie auf!
HECTOR:    Ach, passen Sie auf, was gegenüber passiert!
EMMA:    Himmel, hab' ich das richtig gesehen. Mein Gatte tête-à-tête mit einer fremden Frau! Das ist fürchterlich! Der Schurke, der Gauner, der Wicht, der ... (zu Hector) Mein Mantel, wo ist mein Mantel. (Sie geht um den Tisch herum und sucht ihren Mantel.)
HECTOR:    (folgt ihr und sucht auch den Mantel) Der Mantel! Wo ist der Mantel!
EMMA:    (bemerkt den Mantel auf Hectors Schultern) Ja, merken Sie denn nicht, dass Sie meinen Mantel haben?
HECTOR:    Echt, das stimmt. (übergibt den Mantel, den sie sich mit ihrem Hut umhängt)
EMMA:    Dem kratze ich die Augen aus. (ab)
SZENE 5
HECTOR:    (fällt in den Sessel) Uff, endlich ist die weg. Was für eine Frau, mon Dieu. Was für eine Frau! Ich kann nicht mehr. Wenn die noch mal kommt, kann sie klopfen, klingeln und Krach schlagen, wie sie will. Ich mache nicht mehr auf. Mir reicht es. Sie hat mir eine Wahnsinns-Erkältung gebracht. Also, jetzt mache ich das Fenster zu. (erhebt sich und geht an das Fenster) He, was sehe ich? Das kann doch nicht wahr sein! Das grüne Kleid. Das bekannte grüne Kleid. Horror! Der Metzger tête-à-tête mit meiner Frau! Das ist fürchterlich, niederträchtig. Und ich dachte, sie wäre bei ihrer Mutter. Oh nein, so wird das nicht laufen. Ich werde mich rächen. Ist das klar? Ich werde kämpfen, ... und wenn es ein Fleischhaken sein muss. Das ist mir egal. Ich werde zwei Wochen üben. Oder? (hat eine Idee) Oder, es gibt was besseres. Ich werde mich rächen, sonst ... Oh, wenn diese Frau doch wiederkäme. (es klingelt) Es hat geklingelt. Das ist sie! Los, die Tür! (ab)
SZENE 6
HECTOR, EMMA
HECTOR:    (sehr aufgeregt) Kommen Sie herein Madame, schnell.
EMMA:    (tritt lachend ein)
Ah, Monsieur, das war lustig!
HECTOR:    Bitte, Madame, lachen Sie jetzt nicht.
EMMA:    Was gibt es denn?
HECTOR:    Madame, was Sie gerade von mir verlangt haben, jetzt will ich es - ausdrücklich. Kommen Sie zum Fenster.
EMMA:    Ja, nun, aber ich will nicht mehr!
HECTOR:    Wie? Sie wollen nicht. Aber ich will es. Sehen Sie doch, ich muss mich rächen. Sie soll meine Rache spüren, Auge um Auge, Zahn um Zahn und Fleischerhaken um Fleischerhaken.
EMMA:    (mokiert, belustigt) Aber, Monsieur.
HECTOR:    (marschiert auf sie zu) Kommen Sie, Madame, kommen Sie zum Fenster, ich umarme Sie, ich bedecke Sie mit Küssen, ich reiße Sie auf! Endlich!
EMMA:    (zieht sich zurück, etwas erschreckt) Ah, Sie sind verrückt geworden?
HECTOR:    (geht zum Fenster) Nun, sehen Sie denn nicht, dass meine Frau mich betrügt? Sie ist bei Ihrem Gatten, Ihrem Alcibiade!
EMMA:    Ihre Frau! Sie machen Witze!
HECTOR:    Ich würde gerne Witze machen. Aber ich habe ihr Kleid gesehen.
EMMA:    Ihr Kleid? Nein, Sie sind völlig durcheinander. Das ist das neue Dienstmädchen.
HECTOR:    Ach, was, Madame, ich habe doch Augen im Kopf.
EMMA:    Aber doch. Ganz bestimmt. Eine "Rose", die Sie kennen. Sie kommt von Ihnen.
HECTOR:    Rose, unser Ex-Dienstmädchen?
EMMA:    Aber, ja. Als ich nicht da war, hat mein Gatte sie empfangen. Mehr nicht! Sind sie jetzt überzeugt?
HECTOR:    Ah, Madame, mir fällt ein Stein vom Herzen!
EMMA:    Ja, so werden Sie eifersüchtig, Männer! Einfach so, ohne Grund.
HECTOR:    (steht auf) Aber, Madame, das Kleid ... des Dienstmädchens ... ach, ich erinnere mich, meine Frau hat es ihr gegeben. (fällt zurück auf seinen Sitz) Ah, Madame, wie schön! Das ist ja wie ... Schokoladensauce auf die Seele. Und ich habe meine arme kleine Frau verdächtigt! Oh, ich werde Sie um Verzeihung bitten.
EMMA:    Ja, und zu Recht, Monsieur! Das hat mein Gatte auch getan - und ich habe ihm verziehen.
HECTOR:    Sie wollen sich also nicht mehr rächen?
EMMA:    Oh, nein. Auf keinen Fall. Übrigens, er hat uns gesehen.
HECTOR:    (erschrocken) Er hat uns gesehen?
EMMA:    Sehr wohl. Er hat mich sogar gefragt, wer die alte Dame mit der Schürze war, mit der ich mich unterhalten habe.
HECTOR:    Also wirklich! Die alte Dame! Das ist doch!
EMMA:    Ja, und ich habe gesagt, das war die Schwiegermutter einer Freundin! Ganz einfach!
HECTOR:    Schwiegermutter, ich? Das ist hart. Na, immer noch besser als der Fleischerhaken.
EMMA:    Monsieur, bitte entschuldigen Sie mich nun. Ich bin noch einmal gekommen, um mich für Ihre Mitwirkung zu bedanken.
HECTOR:    Wieso?
EMMA:    Na, ja. Ohne Sie hätte ich mich zwar gerächt, aber er hätte mich nicht um Verzeihung gebeten.
HECTOR:    Ja, das stimmt.
EMMA:    Also, Monsieur, bis später vielleicht einmal!
HECTOR:    Jawohl, Madame, stets zu Diensten. (grüßt) Madame!
EMMA:    (grüßt) Monsieur! (von unten wird geklopft) Was ist das?
HECTOR:    Das bedeutet nichts! Das ist die Mieterin von unten, die klopft ein Schnitzel. (zur Seite) Morgen ziehe ich hier aus. (laut) Madame!
EMMA:    (grüßt) Monsieur!
VORHANG

FEYDEAU, Georges – Par la fenêtre

Wikipedia Georges Feydeau


Donnerstag, 11. Juni 2015

Theater spielen - Was ist los?

Der Text im Skript ist eine Hilfe für das Theater-Spiel. Der Text im Skript muss durch (erkennbare) Aktionen ergänzt werden. Hier liegt die Aufgabe des Schauspielers. Bei Anfängern muss der Regisseur noch helfen. Analysieren wir einmal die kurze Sequenz "Was ist los?"
Es genügt nicht, den Text einfach aufzusagen. Der Zuschauer will mehr sehen. Der einfache Text aus dem Skript könnte so durch Aktionen verständlich gemacht werden:

  • Die Schauspielerin ist beschäftigt. Womit? Vor jeder Aktion ist immer eine Aktion (es gibt nur eine Ausnahme).
  • Sie wird bei der aktuellen Aktion gestört - das will der Zuschauer sehen bzw. hören..
  • Sie versucht zu begreifen, was los ist - das will der Zuschauer sehen.
  • Sie kann das Problem nicht sofort lösen - das will der Zuschauer sehen.
  • Sie entscheidet sich zu fragen - das will der Zuschauer sehen.
  • Sucht einen Ansprechpartner - das will der Zuschauer sehen.
    • Spricht den Skripttext: "Was ist los?" 
    • Agiert den Subtext: "Könnt Ihr den überhaupt nichts alleine machen?" 
    • Kennt den Metatext: "Diese Szene soll auf einen handfesten Familenkrach hinaus laufen."
    • Aktion: Mit welcher Bewegung im Raum, Mimik und Gestik wird der Text unterstützt?

Für die Ausgestaltung des Texte ist der Schauspieler - in Abstimmung mit der Regie - verantwortlich. Amateurschauspieler brauchen gelegentlich etwas mehr Unterstützung durch die Regie.

Tagebuch eines Dienstmädchens nach Octave Mirbeau


Szene aus "Tagebuch eines Dienstmädchens" nach Octave Mirbeau (1848 - 1917) übertragen von H.-G. Küster (2015)

AM BAHNHOF
LOUIS, CELESTINE
LOUIS:         Sind Sie das neue Mädchen für Madame Rabour?
CELESTINE:     Ja, das bin ich.
LOUIS:         Haben Sie einen Koffer?
CELESTINE:     Ja, ich habe einen Koffer.
LOUIS:         Geben Sie mir Ihren Gepäckschein und warten Sie hier.
CELESTINE:     (beiseite) Die Leute nannten ihn respektvoll Louis. Er holte das Gepäck und den Wagen. Ich durfte einsteigen.
Wir fuhren zunächst schweigend über die Landstraße, schließlich fragte er mich:
LOUIS:         Haben Sie wenigstens reichlich Schuhe mitgebracht?
CELESTINE:     Natürlich. - (beiseite) Trotzdem fand ich die Frage seltsam. Die Art und Weise, wie er das sagte, war irgendwie seltsam. -  (zu LOUIS) Warum wollen Sie das wissen? - (beiseite)Er schaute mich von der Seite an und sagte:
LOUIS:         Na, tun Sie doch nicht so.
CELESTINE:     (beiseite)Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.  Na, ja, vielleicht wusste er eben nicht, wie man mit Frauen umgeht. Ich wollte das Thema nicht weiter verfolgen.

IM SALON
CELESTINE, GOUVERNANTE
CELESTINE:     (beiseite)Madame Rabour hatte ein hübsches Haus. Ich wurde schließlich von der Gouvernante in einen kleinen Salon geführt.
GOUVERNANTE:   Da Monsieur Sie noch nicht kennt, empfange ich Sie. Wir müssen schließlich erst prüfen, ob Sie Monsieur gefallen werden.
CELESTINE:     (beiseite)Ich schaute mich um. Das Zimmer war schlicht eingerichtet, aber komfortabel und - da kam Monsieur!


IM SALON MIT MONSIEUR
MONSIEUR, CELESTINE
CELESTINE:     (beiseite)Der sah lustig aus: Ein kleiner, knubbeliger Alter, rosa wie ein Püppchen. Sehr lebendig, er lief dauernd hin und her. Aber er grüßte freundlich:
MONSIEUR:      Wie heißen Sie, mein Kind?
CELESTINE:     Celestine.
MONSIEUR:      Celestine. Hm. Celestine. Ja, ein wirklich schöner Name, mein Kind. Ich werde Sie Marie nennen. Das ist auch schön - und kurz. Außerdem, alle meine Mädchen habe ich Marie genannt. Tut mir Leid, das bin ich gewohnt. Eher würde ich mein Mädchen aufgeben. ...
CELESTINE:     (beiseite) Sie haben immer diese komische Art, uns nicht bei dem richtigen Namen zu rufen. Da wundert mich nichts mehr. Ich habe schon alle Namen der Heiligen aus dem Kalender bekommen.
MONSIEUR:      Ich ... kann Sie also Marie nennen?
CELESTINE:     Aber, natürlich, Monsieur.
MONSIEUR:      Ein nettes Mädel ... umgänglich ... Gut, gut!
CELESTINE:     (beiseite) Das war eigentlich ganz respektvoll, ohne dass er mich gleich mit den Augen ausgezogen hat, wie es die meisten Herren tun.
MONSIEUR:      Haben Sie noch andere?
CELESTINE:     Andere Namen, Monsieur?
MONSIEUR:      Nein, meine Kind, andere Schuhe?
CELESTINE:     Ja, Monsieur, ich habe noch mehr.
MONSIEUR:      Mit Lack?
CELESTINE:     Ja, Monsieur.
MONSIEUR:      Gut, und auch gelbe?
CELESTINE:     Leider nicht, Monsieur.
MONSIEUR:      Die müssen Sie haben. ... Die bekommen Sie von mir.
CELESTINE:     Danke, Monsieur.
MONSIEUR:      Schon gut, ist in Ordnung. Das ist nicht schlimm. Wissen Sie, mein Kind, ich bin ein wenig ... anders ... in meinem Alter darf man das ... nicht wahr? ... Also, es ist so ... ich möchte nicht, dass eine Frau ... ihre Schuhe selbst putzt ... ich ... habe da meine Gründe ... Ich respektiere Frauen, Marie, aber ich könnte es nicht ertragen ... Also ich werde Ihre Schuhe putzen ... Ihre Schühchen, ihre süßen kleinen Schühileinchen ... Ich werde mich um sie kümmern ... jetzt hören Sie gut zu: Jeden Abend, bevor Sie schlafen gehen, bringen Sie Ihre Schuhe in mein Zimmer ... Sie stellen Sie auf das Tischchen vor meinem Bett ... und jeden Morgen, wenn Sie die Fenster öffnen, holen Sie sich Ihre Schuhe.
CELESTINE:     Oh.
MONSIEUR:      Na, ja. Das ist doch nichts schlimmes, was ich da von Ihnen verlange ... eigentlich etwas ganz natürliches ... und, wenn Sie ein bisschen nett zu mir sind ... und gehorsam, dann bekommen Sie auch ab und zu ein kleines Geschenk. Und ... was verlange ich schon? Es ist doch nichts besonderes dran!
CELESTINE:     Ah.
MONSIEUR:      Warum sagst du denn nichts, Marie? Bitte sag' doch was. Bitte, geh' doch ein paar Schritte ... sie sollen sich bewegen ... ich will sehen, wie sie leben ... deine kleinen Schühchen.
MONSIEUR BÜCKT SICH UND KÜSST IHRE SCHUHE.
MONSIEUR:      Oh! Marie, Marie, deine kleinen Schühchen ... bitte gib' sie mir ... jetzt ... ich will sie jetzt haben ... bitte.
MONSIEUR ZIEHT IHR DIE SCHUHE AUS UND SCHLIESST SICH MIT IHNEN IN SEIN ZIMMER EIN.

IM HAUS
GOUVERNANTE, CELESTINE
GOUVERNANTE:   Sie haben einen guten Eindruck hinterlassen, beim Monsieur. Machen Sie weiter so. Hier haben Sie es gut.
CELESTINE:     (beiseite)Vier Tage danach, beim Öffnen der Fenster, wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen: Monsieur war tot.
Er lag auf dem Bett, das Gesicht violett angelaufen - mit meinem Schuh zwischen den Zähnen.

Mittwoch, 3. Juni 2015

Text lernen - Die Ochsentour!

Phase 1 (im stillen Kämmerlein)

(1) Lesen Sie ersten Zeilen des Lerntextes erst in Gedanken, dann leise und schließlich laut. Laut Lesen ist ganz wichtig: Das Gehirn will den Text hören. Eine Technik, die Sprachenlerner perfekt beherrschen.

(2) Die gelesenen Zeilen zudecken und den Text auswendig aufsagen. Wenn es funktioniert, die nächsten Zeilen vornehmen, ansonsten wiederholen. Falls Sie die Arbeit unterbrechen müssen, sollten Sie immer mit einer korrekten Wiederholung aufhören.

(3) Arbeiten Sie auf diese Weise Ihre Textabsätze Stück für Stück ab. Achten Sie darauf, dass die einzelnen Textabsätze gleichberechtigt dran kommen. Wenn Sie immer mit dem ersten Absatz anfangen, können Sie schließlich den Anfang hervorragend und beim Ende haben Sie dann Probleme.

Phase 2 (mit einem Freund)

 (4) Nachdem Sie sich so gut vorbereitet haben, brauchen Sie einen Freund, der Ihnen beim Lernen hilft:  In den Szenen, die Sie spielen sollen, liest Ihr Freund die anderen Rollen. Sie sprechen Ihren Text auswendig. Ihr Freund kontrolliert den Text, während Sie ihn vortragen.

(5) Ihr Freund muss Sie bei JEDEM Fehler korrigieren und ggfs. den Text korrekt vorlesen. Sie wiederholen den Text fehlerfrei, bevor Sie weiter machen. Also, bevor Sie zum nächsten Text über gehen, müssen Sie das aktuelle Textstück korrekt sprechen. Sie sollten nie nach einem Fehler aufhören. Fehler dürfen keine Chance haben durchzukommen.

(6) Gehen Sie den gesamten Text durch, nacheinander, Absatz für Absatz, fangen Sie nicht immer wieder von vorne an.

Phase 3 (Jetzt haben Sie es drauf)

(7) Jetzt sollten Sie einmal einen gesamten Durchlauf proben. Wenn Sie hängen bleiben, konzentrieren Sie sich, sagen das Wort “Text” und Ihr Partner sagt Ihnen die nächsten drei Wörter. Damit machen Sie dann weiter. Wiederholen Sie den Satz korrekt. Sie entschuldigen sich nicht, sie werden nicht nervös, sie machen sich keine Vorwürfe - da muss jeder durch - auch Profis.

(8) So, jetzt haben Sie es wirklich drauf. Oder? Dann müssen Sie eben zurück zur Phase 2 oder 1.

Phase 4 (Was sonst noch wichtig ist)

(9) Sie sollten immer nur 30 bis 40 Minuten Text lernen. Dann tun Sie irgendetwas anderes - irgendetwas, was man tun kann, ohne groß denken zu müssen. Der Text muss einsinken, er muss sich im Unterbewusstsein verankern. Dazu benötigt er Zeit. Deshalb sollten Sie regelmäßig, jeden Tag, eine halbe Stunde lernen. Wenn Sie nur pauken, kann es sein, dass Sie vor dem Publikum in Panik geraten.

(10) Sie sollten weiterhin einen Überblick über den roten Faden der einzelnen Szenen und des gesamten Stückes haben. Damit haben Sie die Gewissheit, bei unvorhergesehenen Ereignissen korrekt reagieren zu können.

Toi, toi, toi!
 
Nach einem Kommentar von Eric Christiansen in

http://anniemurphypaul.com/2014/01/how-to-use-your-memory-the-way-actors-do/#

Dienstag, 2. Juni 2015

Schwierigkeiten beim Text lernen?

Haben Sie immer noch Schwierigkeiten beim Text lernen? Ist die Vorbereitungszeit wieder einmal zu kurz? Bekommen Sie so langsam das Gefühl, die Gruppe aufzuhalten? Sie wollen Ihrer Gruppe, Ihrem Regisseur und sich selbst etwas Gutes tun? Hier sind ein paar Tipps:

  1. Markieren Sie den Text Ihrer Rolle mit einem Marker. Damit wissen Sie immer, wo Ihr Text ist.
  2. Singen Sie doch einmal Ihren Text. Singen macht Spaß, und Melodie und Rhythmus helfen beim Text merken.
  3. Lesen Sie das Skript bis Sie die Geschichte wirklich restlos verstehen. Welche Ziele haben die Personen im Spiel? Welche Hindernisse stellen sich Ihnen in den Weg? Was tun sie, damit sie bekommen, was sie wollen? Welche Gefühle (Emotionen) haben sie dabei? Regisseure freuen sich, wenn Emotionen und Energie sehen.
  4. Wenn Ihnen das Lernen zum Halse raushängt, dann sollten Sie es einfach mal sein lassen. Ihr Gehirn braucht einfach mal Ruhe, um alles zu verarbeiten. Vertrauen Sie Ihrem Gehirn, es faulenzt nicht.
  5. Stellen Sie fragen zu Ihrer Rolle. Warum muss sie die teure Vase aus der Ming-Dynastie zerschlagen? Warum entscheidet sie sich gerade für diesen Weg? Vielleicht denken Sie sich eine passende Geschichte für Ihre Rolle aus: War war bevor das Stück anfing und was kam danach?
  6. Lesen Sie sich den Text selbst laut vor. Ja, Sie dürfen auch deklamieren und etwas übertreiben, aber verletzten Sie nicht Ihre Stimmbänder und gehen Sie nicht Ihrer Umgebung auf die Nerven.
  7. Bilden Sie Sinneinheiten (beats). Insbesondere länger Dialoge sollten Sie abschnittsweise lernen und schließlich Zeile für Zeile erweitern.
  8. Schreiben Sie Ihren Text mehrmals ab. Damit setzt sich der Text im Unterbewusstsein fest. Ja, das ist Arbeit, aber es hilft.
  9. Schreiben Sie den Text mit linken Hand ab, wenn Sie  Rechtshänder sind. Linkshänder schreiben mit rechts. Das macht den Schreibvorgang anstrengend. Es könnte helfen.
  10. Arbeiten Sie mit einem Partner. Er kann die anderen Rollen lesen und mit einem Bleistift die Passagen einkreisen, die Sie vermurkst haben.
  11. Machen Sie eine Tonaufnahme von Ihrem Text. Da geht mit manchem mp3-Player und mit den meisten Smartphones. Sie können dann Ihren Text im Auto (im Stau) oder beim Sport auf dem Ergometer lernen. Sie müssen allerdings mindestens die Stichworte Ihrer Partner aufnehmen, damit Sie wissen, wann Sie dran sind. Sie können das System ausbauen und Pausen einrichten oder Wiederholungen einsetzen. Es gilt dasselbe Prinzip, wie bei Schlagertexten: Je öfter Sie mit singen - hier sprechen - desto eher prägt sich der Text ein.
  12. Versuchen Sie nicht alle Tipps auf einmal. Suchen Sie sich eine neue Technik heraus und machen Sie eine Routine daraus. Toi, toi, toi!
Der Text folgt Anregungen aus:

http://www.wikihow.com/Memorize-Your-Lines