Schlag mich doch einfach tot!
nach Barrie: Eine halbe Stunde 1. Akt
Dramatis Personae
RICHARD: Banker
LADY LILIAN: seine Frau
Auf der Bühne stehen ein Stuhl für den Banker und ein Stuhl als Sofa für LADY LILIAN.
(RICHARD, ein Banker und Emporkömmling, zieht seine Frau heftig am Arm auf die Bühne.)
LADY LILIAN: Warum schlägst du mich nicht einfach? Ich bin nur eine Frau und wir haben keine Zeugen.
RICHARD: Eine Frau! Du sinnloses Wesen … eine Frau bist du bestimmt nicht! (schubst sie auf das Sofa)
LADY LILIAN: Wie stark du bist, mein Gatte! Ich muss dich einfach lieben. Nun, jetzt weißt du, warum ich dich liebe. Und warum liebst du mich? (nimmt ihren Hut ab) Schau, was du mir angetan hast. Also ehrlich, ich bin nicht sicher, ob grün-blau meine Farbe ist. Was meinst du denn? Welche Farbe steht mir, Richard?
RICHARD: Pass auf!
LADY LILIAN: Sag' mir doch einfach, warum du dieses Theater hier veranstaltest.
RICHARD: Genau das ist Theater. Was haben wir uns noch zu sagen?
LADY LILIAN: Sicher, aber das wussten wir schon vorher.
RICHARD: Genau. Und das habe ich auch deinem Vater gesagt.
LADY LILIAN: Ach, sag' mal, wie viel hast du Papi eigentlich für mich gegeben?
RICHARD: Na, insgesamt wohl 20.000 Dollar.
LADY LILIAN: Oh, das wertet mich ja mächtig auf.
RICHARD: Wärst du billiger gewesen, hätte ich dich nicht genommen.
LADY LILIAN: Das ist genau mein Richard. Aber da waren noch andere Tussis, die noch teurer waren! Wieso musste ich es gerade sein?
RICHARD: Eine Familie mit einem guten Stammbaum macht einiges her. Dann deine Schmalzaugen und deine Verachtung haben mich wohl wild gemacht.
LADY LILIAN: Ich habe gewonnen!
RICHARD: Oh, ich habe dich nicht gezwungen, zu kommen!
LADY LILIAN: Stimmt. Dein Geld hat mich überzeugt.
RICHARD: Genau so.
LADY LILIAN: Es tut mir Leid, Richard, für uns beide.
RICHARD: Booh.
LADY LILIAN: Ich war aber immer ehrlich. Ich habe mich immer nur für dein Geld interessiert.
RICHARD: So sollte es auch sein.
LADY LILIAN: Wieder typisch Richard. Vielleicht bin ich wenigstens ein wenig entlastet.
RICHARD: Schleimer.
LADY LILIAN: Sag' mal, warum beenden wir das alles nicht?
RICHARD: (wütend) Weißt du, mit wem du hier sprichst? Mit meinem Namen in der Finanzwelt?!
LADY LILIAN: Natürlich. Aber Richard, ist dir nie der Gedanke gekommen, dass ich ... vielleicht einmal?
RICHARD: Nie im Leben!
LADY LILIAN: Du bist ganz schön vertrauens ... selig.
RICHARD: Ja, das bin ich.
LADY LILIAN: Darf ich fragen, wieso?
RICHARD: Ich habe das Geld.
LADY LILIAN: Oh, ich verstehe.
RICHARD: Du hast ein tragisches Schicksal, nicht wahr?
LADY LILIAN: Tragischer als du jemals begreifen kannst.
RICHARD: Du warst zu jung zum Denken, als ich dich bekam.
LADY LILIAN: Aber, ich hätte es schon wissen können.
RICHARD: Du weißt schon, dass du ein seltenes, exquisites Geschöpf bist.
LADY LILIAN: Das glaub' ich nicht. Aber ich wäre es schon gerne.
RICHARD: Glaubst du, du hättest einen besseren Mann bekommen können?
LADY LILIAN: Mach dich nur lustig über mich. Ich habe es nicht anders verdient.
RICHARD: Es ist wohl genau so wie sie sagen.
LADY LILIAN: Wer?
RICHARD: Die Weicheier, die vom Geld ihrer Eltern leben.
LADY LILIAN: Und wenn ich sie frage?
RICHARD: Dann hättest du vielleicht eine einzige Träne im Auge, die ist genauso viel wert, wie die Träne, wenn du dein Bankkonto überzogen hast.
LADY LILIAN: He, du hast mich ja durchschaut!
RICHARD: Das glaube ich auch, Lilian. Versuche nicht, eine Heldin zu sein. Damit kommst du nicht klar.
LADY LILIAN: Fehlt mir etwa der Mut?
RICHARD: Du hast genauso viel Mut, wie die französischen Dandys auf dem Weg zur Guillotine. Aber, wenn es um das Leben geht, meine Liebe, dann musst du von unsereins leben.
LADY LILIAN: Oh, und wenn ...
RICHARD: Wenn du es mir zeigen willst? Ich bin nicht nervös. Du wirst wohl immer gewinnen. Ich habe dich durchschaut.
LADY LILIAN: (hitzig) Und, wenn ich es täte?
RICHARD: Wenn du das tust ... wenn du versuchst mich hereinzulegen ... (erfasst ihr Handgelenk)
LADY LILIAN: Nimmst du das Messer, Richard, oder Desdemonas Kissen?
RICHARD: Wenn du mir Schande machst, bevor ich dich vor die Türe gesetzt habe, dann breche ich dir den Hals.
LADY LILIAN: Wenn ich das täte, würde ich nicht meinen Hals hinhalten.
RICHARD: Dann gnade dir Gott!
LADY LILIAN: Wenn du mir jetzt den Hals brechen willst, dann lass bitte meinen Arm los!
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