Montag, 11. Mai 2015

Eine Schreckensnacht nach Tschechow

SPRECHER:    Eine Schreckensnacht nach Tschechow
1. ERZÄHLER:    Dichte, schwarze Finsternis hing über der Erde, als ich in der Nacht von einem jetzt verstorbenen Freunde, bei dem wir an einer spiritistischen Sitzung beigewohnt hatten, nach meiner Wohnung zurückkehrte.
2. ERZÄHLER:    Die Gassen, durch die ich schritt, waren nicht beleuchtet, und ich musste mich fast nur mittels des Tastsinnes zurechtfinden. Ich wohnte in Moskau bei der Mariä-Himmelfahrtskirche auf dem Friedhof, im Hause des Beamten Leichner. Schwere und niederdrückende Gedanken beschäftigten mich während des Heimweges.
CHOR:    Dein Leben nähert sich dem Ende - Tue Buße.
1. ERZÄHLER:    Das war der Satz, den wir auf der spiritistischen Sitzung gesprochen hatten. Ich hatte noch - aus einer Laune heraus - hinzugefügt: “Heute Nacht”. Ich glaube nicht an den Spiritismus, aber der Gedanke an den Tod versetzte mich in eine trübe Stimmung.
2. ERZÄHLER:    Und jetzt, wo undurchdringliche, kalte Finsternis mich umgab und die Regentropfen vor meinen Augen in tollem Wirbel rasten, jetzt, wo ich keine lebende Seele und keinen menschlichen Laut hörte, erfüllte eine undefinierbare, unbeschreibliche Furcht mein Herz.
1. ERZÄHLER:    Ich hastete vorwärts, ohne seitwärts zu blicken oder mich umzusehen. Ich würde bestimmt den Tod in Gestalt eines Gespenstes erblicken.
2. ERZÄHLER:    Diese undefinierbare Angst verließ mich auch dann nicht, als ich zum vierten Stock des Leichnerschen Hauses hinaufgestiegen war, die Tür aufschloss und in mein Zimmer trat. Ich machte das Licht an - und sofort wieder aus. Meine Haare hatten sich vor Schrecken aufgerichtet. Ich schrie auf, tat einen Schritt zur  Tür und schloss vor Bestürzung, Entsetzen und sinnloser Angst die Augen:
CHOR:    Dein Leben nähert sich dem Ende - Tue Buße.
1. ERZÄHLER:    Mitten im meinem Zimmer stand ein Sarg! “Die Geister haben mir den Tod vorausgesagt”, dachte ich. “Haben sie sich vielleicht schon die Mühe gemacht, mich rechtzeitig mit einem Sarg zu versorgen?”
2. ERZÄHLER:    Hals über Kopf lief ich aus meinem Zimmer hinaus und eilte, ohne zu denken und zu überlegen, von einer unaussprechlichen Angst getrieben, die Treppe hinab. Dass ich mir nicht das Genick brach, war ein wahres Wunder.
1. ERZÄHLER:    Auf der Straße lehnte ich mich an einen nassen Laternenpfahl und rang nach Fassung. Mein Herz schlug furchtbar. Ich konnte kaum atmen.
2. ERZÄHLER:    Ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich in meinem Zimmer eine Feuersbrunst, einen Dieb oder einen tollwütigen Hund gefunden hätte. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn die Wände zusammengebrochen wären, der Fußboden durchgebrochen oder die Zimmerdecke niedergestürzt wäre. So was ist natürlich.
1. ERZÄHLER:    Aber wie war ein Sarg in mein Zimmer hineingeraten? Wer wollte mir da einen so seltsamen und schrecklichen Besuch abstatten? Qualvolles Rätsel.
2. ERZÄHLER:    Wenn ich keine lebende Seele um mich sah, keinen menschlichen Laut hörte und allein, ganz allein mit dem Sarge blieb, in dem vielleicht ein Leichnam lag, so konnte ich den Verstand verlieren.
1. ERZÄHLER:    Ich beschloss zu meinem Freunde Tod zu gehen und bei ihm zu übernachten.
2. ERZÄHLER:    Er hatte ein möbiliertes Zimmer im Haus des Kaufmanns Schädler, in der Leichengasse.
1. ERZÄHLER:    Er war nicht zu Hause. Ich fand aber den Schlüssel unter der Fußmatte, betrat die Wohnung und strich ein Streichholz an. Aber das Licht befreite mich nicht von meiner traurigen Stimmung, im Gegenteil:
CHOR:    Dein Leben nähert sich dem Ende - Tue Buße.
2. ERZÄHLER:    Ein furchtbarer, unsäglicher Schreck ergriff mich von neuem … Ich schrie auf, erhob mich taumelnd und stürzte, fast bewusstlos, aus dem Zimmer. Ich hatte dasselbe gesehen, wie in meinem Zimmer: Einen Sarg.
1. ERZÄHLER:    Ich verliere den Verstand, dachte ich. Mein Gott! Was sollte ich nur anfangen? Der Kopf wollte mir platzen. Die Knie knickten mir ein. Ich stand auf der Straße.Ich hatte noch den Freund Kirchhoff in der Nähe - im Hause des Staatsrates Sterbhausen.
2. ERZÄHLER:    Bei Kirchhoff war es meinen Nerven beschieden, noch eine Marter zu erdulden. Als ich zum fünften Stockwerk hinauf kam, hörte ich einen schrecklichen Lärm. Oben lief jemand mit heftigen Schritten und schlug mit den Türen.
CHOR:    Dein Leben nähert sich dem Ende - Tue Buße.
1. ERZÄHLER:    Kirchhoff stand oben auf der Treppe und schrie:
KIRCHHOFF:    ”Hilfe, Hilfe. Hausmeister! Diese verfluchte spiritistische Sitzung, sie hat meine Nerven zerrüttet, in meinem Zimmer steht ein Sarg.”
GRÄBERMANN:    Kirchhoff, Sie sind es? Was ist mit Ihnen?

2. ERZÄHLER:    Kirchhoff blieb bei mir stehen und packte mich krampfhaft am Arm.
1. ERZÄHLER:    Er war blass, atmete nur mühsam und zitterte. Seine Augen fuhren wild umher, seine Brust keuchte.
KIRCHHOFF:    Sind Sie es, Gräbermann? Sind Sie es denn auch wirklich? Sie sehen so bleich aus, wie ein dem Grabe Entstiegener ... Hören Sie, sind Sie vielleicht auch nur eine Vision? Mein Gott. Sie sehen ja schrecklich aus.
GRÄBERMANN:    Aber, was ist mit Ihnen? Ihr Gesicht ist ja ganz entstellt.
KIRCHHOFF:    Ach, lassen Sie mich erst zu Atem kommen - Ich freue mich, Sie zu sehen - wenn Sie es denn wirklich sind - und nicht bloß eine Halluzination. Diese verfluchte spiritistische Sitzung - meine Nerven sind zerrüttet - ich habe sogar  in meinem Zimmer einen Sarg gesehen!
2. ERZÄHLER:    Verwirrt und stotternd erzählte ich von den Särgen, die ich selbst gesehen hatte.
1. ERZÄHLER:    Mit weit aufgerissenen Augen, den Mund vor Verwunderung öffnend, sahen wir einander eine Minute lang an. Dann begannen wir uns wechselseitig zu kneifen.
2. ERZÄHLER:    Wir empfanden wechselseitig Schmerz. Es war keine optische Täuschung, sondern etwas wirklich existierendes.
1. ERZÄHLER:    Nachdem wir eine volle halbe Stunde auf der kalten Treppe gestanden und uns in allen möglichen Vermutungen und Hypothesen erschöpft hatten, beschlossen wir, den Sarg zu öffnen.
2. ERZÄHLER:    Kirchhoff sprach mir Mut zu:
KIRCHHOFF:    Jetzt können wir feststellen, ob dieser Sarg leer ist oder … einen Bewohner beherbergt.
2. ERZÄHLER:    Kirchhoff, am ganzen Leibe zitternd, riss, die Zähne zusammenbeißend, den Deckel vom Sarge hoch.
SPRECHER:    Meine sehr verehrten Damen und Herren, was wird in den Särgen sein? Sie bekommen gleich Karteikarten und Bleistifte. Bitte schreiben Sie auf, was wohl in dem Sarg sein wird. Unter den richtigen Antworten verlosen wir eine Flasche Drachenblut - bürgerlich Wein genannt.
TON:    Jack the Ripper.

Auflösung:
1. ERZÄHLER:    Der Sarg war leer - bis auf einen Brief:
2. ERZÄHLER:    Lieber Kirchhoff! Mein Beerdigungsgeschäft geht nicht gut. Morgen kommt die Zwangsvollstreckung. Ich möchte unser Vermögen retten. Ohne die Hilfe meiner Freunde bin ich ruiniert. Alle haben einen Sarg bekommen. Ich werde die Särge im Laufe der Woche abholen. Liebe Grüße Iwan Tscheljustin.
1. ERZÄHLER:    Nach diesen Erlebnissen befand ich mich wegen eines Nervenzusammenbruchs drei Monate lang in ärztlicher Behandlung. Unser Freund jedoch hatte das Vermögen gerettet. Er handelt jetzt mit Grabdenkmälern und Grabsteinen.
2. ERZÄHLER:    Hoffentlich komme ich nicht eines Abends nach Hause und finde ein Marmordenkmal neben meinem Bett.



Aufführung vom 31. Oktober 2014 im Café Antik, Heiligenhaus von der Theatergruppe ZWAR in Heiligenhaus

1 Kommentar: