INTERVIEWER: Monsieur
Chapuzot, sind Sie das?
CHAPUZOT: Das bin ich, Monsieur. Zu Diensten.
INTERVIEWER: Sehr gut. (mustert
ihn aufmerksam) Groß
... braune Haare ... 45 Jahre ... kurze
Arme ... Gesicht wie ein Tier ... Ja, das ist er.
CHAPUZOT: Was gibt's?
INTERVIEWER: Erst mal ein Bock!
CHAPUZOT: Hier bitte!
INTERVIEWER: Gut gezapft!
CHAPUZOT: Ja, bitte!
INTERVIEWER: Das soll gut gezapft sein? Na, ja. Zeigen Sie
mal Ihren linken Ärmel.
CHAPUZOT: Meinen linken Ärmel? Entschuldigen Sie ... aber ..
INTERVIEWER: Und zeigen Sie mir Ihren Arm.
CHAPUZOT: (misstrauisch)
Ja, aber ...
INTERVIEWER: (fordernd)
Also bitte, jetzt!
CHAPUZOT: (zieht
seinen Ärmel hoch) (beiseite)
Er will wohl meine Impfung überprüfen.
INTERVIEWER: (untersucht
den Ärmel) Aha, tätowiert, habe ich es doch geahnt.
Eine Blumenvase zwischen zwei Herzen. Perfekt, perfekt. (Er holt seinen Fotoapparat heraus) Moment ... Achtung
CHAPUZOT: (besorgt)
Mit wem habe ich die Ehre?
INTERVIEWER: Nicht bewegen! Moment. (positioniert die Kamera)
CHAPUZOT: Eine Fotografie?
INTERVIEWER: (bedient
den Auslöser) Sehr gut ... jetzt im Profil.
CHAPUZOT: (geduldig)
Auch noch?
INTERVIEWER: So, ist gut. Nicht mehr bewegen.
CHAPUZOT: (geduldig)
Noch mal?
INTERVIEWER: Es geht weiter. Das war's. Jetzt der Rücken, bitte. Der Rücken ist auch ein
Gesicht.
CHAPUZOT: (beiseite)Ein
seltsamer Fotograf.
INTERVIEWER: Aufgepasst! So. (setzt den Fotoapparat auf den Tisch) Jetzt kommen die Maße. (Er
zieht ein Maßband aus der Tasche und misst) Taille ... eins sechsundsechzig
(schreibt es in sein Heft)
CHAPUZOT: (beiseite)
Das ist ein Schneider.
INTERVIEWER: (untersucht
die Hand von Chapuzot) Schaufeldaumen ... (betastet die Wangen) Jochbein steht vor ... asymmetrisches Gesicht
... (betastet das Kinn) Leichter
Vorbeißer Oho! Der ist ja noch
gefährlicher, als ich dachte.
CHAPUZOT: (beiseite)
Wirklich ein seltsamer Schneider!
INTERVIEWER: Nun, dann wollen wir einmal miteinander
sprechen.
CHAPUZOT: Entschuldigen Sie, was sagten Sie?
INTERVIEWER: Wie?
CHAPUZOT: Ja, wer sind Sie?
INTERVIEWER: Der Chefreporter vom Mouvement.
CHAPUZOT: Ah.
INTERVIEWER: (mitleidig) Sie kennen den Mouvement
nicht? Ein literarisches Spitzenprodukt ... die besten Recherchen ... mit der höchsten Auflage ... zwölf Millionen Leser!
Wir verlosen an unsere Leser Automobile, Wochenendhäuser, Rentenansprüche und
Damen aus besten Häusern. Das müssen Sie doch kennen!
CHAPUZOT: Ach ja, natürlich.
INTERVIEWER: Also, ich habe es eilig ... Berthelot kommt
gleich ... dann der Belgische König
... Bitte seien Sie so nett und beantworten Sie einfach zügig meine
interessanten Fragen, die ich für Sie vorbereitet habe. Aber ... zuerst noch
ein Bock.
CHAPUZOT: Ja. Sicher.
INTERVIEWER: (zieht sein Notizbuch heraus) Das ist
der psychologische Moment.
CHAPUZOT: (stellt das Bock hin) Ich würde schon gerne ein Wochenendhaus
gewinnen.
INTERVIEWER: (trinkt
das Bier mit einem Zug aus und schaut CHAPUZOT scharf an) Sie sind Wirt?
CHAPUZOT: (zeigt
auf sein Bistro) Na, also, das sieht man doch, denke ich.
INTERVIEWER: Ein schmutziges Geschäft. Monsieur. Antipatriotisch sozusagen.
Trunkenheit, Ausschweifungen, Alkoholismus, Degeneration, Depopulation,
Sozialismus, wahrscheinlich ... (CHAPUZOT
versucht zu protestieren) dieses ganze Giftzeug ... genau ... ja, danach
sehen sie aus.
CHAPUZOT: Also, ich bitte Sie!
INTERVIEWER: Na, gut. Darum geht es hier jetzt nicht. Ich
bin für diese Umfrage
verantwortlich ... also ... Das ist jetzt dringend ... Zur Sache!
CHAPUZOT: Ach, so schlimm ist das alles nicht.
Vielleicht gewinne ich sogar ein Automobil.
INTERVIEWER: (mit
ironischem Ernst) Sie sind also Wirt? Sie können das bezeugen?
CHAPUZOT: Also, ehrlich ...
INTERVIEWER: Und Sie heißen wirklich Chapuzot?
CHAPUZOT: Ja, Théodule Joseph ..
INTERVIEWER: Passen Sie jetzt genau auf, was ich Ihnen
sage. Das ist jetzt kein Spaß,
wirklich nicht.
CHAPUZOT: (erschrocken)
Ich heiße Chapuzot, wie mein
Vater.
INTERVIEWER: Gut ... und Sie haben seit längerem ein ... gestörtes Verhältnis zu
Ihrer Frau?
CHAPUZOT: (schockiert)
Zu meiner Frau?
INTERVIEWER: Ja, sicher doch!
CHAPUZOT: Also ... ehrlich ... ich bin doch gar
nicht verheiratet.
INTERVIEWER: Ganz klar! Auch noch außerehelicher Beischlaf ... Da kommt was zusammen (macht
sich Notizen) Sie verstehen sich also nicht mit Ihrer ... Beischläferin?
CHAPUZOT: Also! Was erzählen Sie da? ... Mit meiner Beischläferin?
INTERVIEWER: Also, sie tun so als ob wären Sie nicht verheiratet, wie soll ich
das denn nennen, was Sie so nervt ... (fröhlich)
etwa Ihre Unterlage?
CHAPUZOT: Also, sie ist nett ... also sie ist
liebenswert ... sie ist keine Unterlage ... eine Beischläferin ist sie auch nicht.
INTERVIEWER: (macht
sich ernsthaft lustig) Sie sind nicht verheiratet, haben keine Unterlage,
und keine Beischläferin?
Also mal ehrlich, Herr Chapuzot!
CHAPUZOT: Das ist doch die Wahrheit.
INTERVIEWER: Die Wahrheit? Also, so geht das nicht. Das können Sie mir nicht erzählen. Ich kenne Sie
doch, ich kenne Alle. Zwecklos weiter zu leugnen. Also Ihre Frau betrügt Sie.
Oder betrügen Sie Ihre Frau. ... Also, wer betrügt hier eigentlich wen?
CHAPUZOT: Also ehrlich! Sie haben mich nicht
verstanden ... ich sage Ihnen ...
INTERVIEWER: Ja ... ja ... Sie wollen also ganz besonders
schlau sein?
CHAPUZOT: (gequält) Also, ich sage Ihnen doch ...
INTERVIEWER: Sie wollen den Clown spielen ... den Großkotz ... den Simulanten?
CHAPUZOT: Also, hören Sie doch ...
INTERVIEWER: Bei der Presse zieht das nicht ... ich rate
Ihnen ... spielen Sie dieses Spiel nicht mit der Presse. (seriös, drohend) Ich bin die Presse, HERR Chapuzot, für zwölf
Millionen Leser.
CHAPUZOT: Und was soll ich denn tun?
INTERVIEWER: Die Presse ist die große, moderne Macht ... die große Erzieherin
... das moderne, universelle Wissen ... Sie richtet und verurteilt ... Ein
Bock!
CHAPUZOT: Ja, natürlich .. Hier ... bitte. (Serviert
ein Bock)
INTERVIEWER: (mit dem Bock in der Hand) Die Presse,
Chapuzot, ... ist die Einzige ... ja, nur sie ... ist Polizei ...
Rechtsprechung und ... und ... (er
trinkt) Sie entschädigt,
züchtigt und vergibt. (trinkt sein Bock
aus) ... so, wie man sie bewertet ... die Presse ist alles ... vergessen
Sie das bloß nicht ... (gibt das leere
Bock Chapuzot, der es auf den Tresen setzt)
CHAPUZOT: Nun, gut. Aber was habe ich damit zu tun?
INTERVIEWER: Damit? Also ehrlich ... Haben Sie sich ...
mit dem Mouvement vernetzt?
CHAPUZOT: Vernetzt?
INTERVIEWER: Mensch, Chapuzot, jeder ist im Netz. Die
Regierung, die Verwaltung, die Banken, der Handel, die Industrie, die Richter, die
Rechtsanwälte, die Kläger, die Ärzte,
die Kranken, die Frauen, die fremd gehen, die Schwuchteln, die Maler ... und
Sie nicht? Sie sind nicht mit dem Mouvement vernetzt? Sie sind echt arm dran,
Chapuzot.
CHAPUZOT: Was bedeutet "vernetzt"?
INTERVIEWER: Wollen Sie mich vera ... uf den Arm nehmen.
Sie machen sich lustig über
mich! (tippt auf einen Knopf der Weste
von Chapuzot) Warum haben Sie die Flasche Bier auf dem Kopf Ihrer Frau
zerschlagen?
CHAPUZOT: Eine Flasche Bier?
INTERVIEWER: Ja, also, sagen Sie es!
CHAPUZOT: Eine Flasche Bier? Mein Gott!
INTERVIEWER: Da können Sie also nichts mehr sagen. Nun, gut ...
CHAPUZOT: Eine Flasche Bier ... Gott steh mir bei!
INTERVIEWER: (beschwörend) Schweigen Sie ... , lügen Sie nicht ... (deklamieren) Bitte, lügen Sie niemals,
jede Lüge ist eine Gotteslästerung. Bei der Presse kommen Sie damit nicht
durch. Also, ich versuche es noch einmal - obwohl Sie nicht mit dem Mouvement
vernetzt sind. Also! (klopft ihm
freundschaftlich auf die Schulter) Also, mein Chapuzot, mein lieber Chapuzot. Wie kam es denn zu
diesem wilden und brutalen Akt? Sie sehen doch eigentlich anständig aus, ...
was zum Teufel ... eine primitive Rache? ... ein plötzlicher unüberlegter
Wutausbruch? ... eine Eingebung? ... eine Magenverstimmung? ... ... Na? (Chapuzot zeigt einfach nur Entsetzen)
Gut, dann versuchen wir es einmal auf die sanfte Tour ... (streichelt ihm die Schulter) War es Leidenschaft, psychologisch
oder Urinstinkt?
CHAPUZOT: Ur ... in
... was?
INTERVIEWER: Ur ... in ... stinkt.
CHAPUZOT: Nein, nein, nein!
INTERVIEWER: Nein? Sie wissen es nicht? Sie wissen nicht
einmal mehr, was Sie tun. (mitleidig)
Sie haben überhaupt keine
wissenschaftliche Kultur? Sie haben den Verstand einer Laus? (schnackt vor seiner Stirn)
CHAPUZOT: (scheint
eine Fliege zu fangen) Ach, was soll's!
(kümmert sich um das
Geschirr hinter dem Tresen)
INTERVIEWER: Sie tun mir echt leid, Chapuzot. Sie sind
einfach intellektuell debil, in Zusammenhang mit einer volontären Obstination. Also, hören Sie mir zu. (merkt, dass Chapuzot verschwunden ist.
Lehnt sich über die Theke) Ich will Ihnen die Frage andersherum stellen ...
damit sie es mit Ihrem Intelligenzgrad noch hinkriegen ... zwei Bock-Bier.
CHAPUZOT: (taucht
plötzlich wieder auf) Hier! ... Da!
INTERVIEWER: Stoßen wir an!
CHAPUZOT: (mit
einem Lächeln) Das gefällt mir schon besser.
INTERVIEWER: Prost!
CHAPUZOT: Prost! (Sie
scheinen sich beide wieder gefangen zu haben.)
INTERVIEWER: Chapuzot,
ich bin Ihr Freund, antworten Sie mir wie einem Freund. Liebster Chapuzot!
CHAPUZOT: (lächelt
und macht zwei weitere Striche auf den Bierdeckel) Na, so was!
INTERVIEWER: (streichelt
ihm die Wangen) Haben Sie eigentlich viele Mörder in Ihrer Familie? Wenn Sie also keine
Frau und keine Freundin haben, haben Sie vielleicht eine Familie? Na?
CHAPUZOT: (verzweifelt)
Jetzt fängt das schon wieder an!
INTERVIEWER: Also keine Familie? Seltsam, aber sicher,
nach alledem ... Das arme kleine Waisenkind, von der Mutter verlassen. Armer
Chapuzot. (Chapuzot beschäftigt
sich hinter der Theke. Der Interviewer verfolgt ihn mit den Augen bei der
Arbeit.)
Sicher ... seit Ihrer Geburt haben Sie die niedrigen Instinkte der Einsamkeit
beherrscht. Das bedauernswerte Vagabundentum als Obdachloser? Ja ... das wäre
eine Erklärung, vielleicht sogar eine Entschuldigung.
CHAPUZOT: (geht
auf und ab, die Fäuste geballt) Ah! Ah! Ah!
INTERVIEWER: Da sagen Sie nichts mehr? ... Das hat Ihnen
die Stimme verschlagen?
CHAPUZOT: Mein, Gott! Was soll ich dazu sagen?
INTERVIEWER: Gut, wechseln wir das Thema. Sie sehen ja,
ich habe Geduld, Standvermögen
und Feingefühl. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie mich bewusst täuschen
wollen. (geht auf und ab) Haben Sie
sich etwas besonderes dabei gedacht, als Sie die Flasche Bier ausgesucht haben?
CHAPUZOT: Was haben Sie denn schon wieder mit der
Flasche Bier? Was soll das?
INTERVIEWER: Warum ausgerechnet eine Flasche Bier? Warum
nicht eine Flasche Korn ... oder Jägermeister?
CHAPUZOT: Nein! Nein! (räumt weiter auf)
INTERVIEWER: Passen Sie auf, was Sie sagen. Chapuzot,
vielleicht findet das Gericht hier etwas, was Sie be- oder entlasten könnte - je nachdem, was Sie sagen.
CHAPUZOT: Das Gericht? Was für ein Gericht?
INTERVIEWER: Vielleicht der berühmte Doktor Socquet ... eine Leuchte der
Wissenschaften .. . (maliziös freundlich)
Der wird Sie bestimmt fragen (mit offener
Freude) der wird die Leichenschau machen, vielleicht findet er ja eine
Flasche Bier (emphatisch) das wäre
ein anthropologisches Phänomen von moralischer Verantwortung!
CHAPUZOT: Ich verstehe gar nichts mehr. Mein Gott!
INTERVIEWER: Sie verstehen nichts? Sie verstehen nicht,
was ich Sie frage? Also hören
Sie mal gut zu ... nach der vollständigen Sachlage Ihres Verbrechens ...
CHAPUZOT: Meines Verbrechens, also jetzt ...
INTERVIEWER: Sollen wir mal die geistige Chemie dieses
Verbrechens untersuchen? Ja, dann wird manches klar. Leuchtet es jetzt ein?
CHAPUZOT: Sie wissen?
INTERVIEWER: Nein, Sie können sich nicht mehr hinter der Dunkelheit
meiner Worte verstecken ... auch in dem Abgrund meiner Fragen. Antworten Sie!
CHAPUZOT: Ich glaube, ich möchte jetzt lieber gehen.
INTERVIEWER: Sie unbelehrbarer Mensch! Schauen Sie!
Versuchen wir es anders herum. ... Kennen Sie den berühmten Doktor Cesare Lombroso?
CHAPUZOT: Lom ...?
INTERVIEWER: broso ... genau so!
CHAPUZOT: (ist
von der Rolle nimmt eine Gießkanne und gießt die Theke) Den kenne ich ... den kenne ich nicht ...
egal ... wie Sie wollen!
INTERVIEWER: (deklamierend)
Ein Genie, Chapuzot!
CHAPUZOT: Ja, sicher. Ich sag's doch.
INTERVIEWER: (klopft
auf die Theke) Ein Genie einfach frappant, Chapuzot!
CHAPUZOT: (gequält) Ja, ich glaube es Ihnen ja ..
INTERVIEWER: Ein außerordentlicher und hochbegabter Wissenschaftler ... er hat
herausgefunden, dass alle genialen Menschen in der Seele brutal und Mörder
waren!
CHAPUZOT: Schon gut.
INTERVIEWER: Brutal und Mörder - das sind die Genies!
CHAPUZOT: Ja, sicher, von mir aus.
INTERVIEWER: Und was denken Sie über die Arbeiten des illustren Doktor
Cesare? Wie bewerten Sie seine hochinteressanten Entdeckungen in Bezug auf die
Verbrecher von Geburt an, ... die physische Kälte von Mördern und Frauen? Und
seine kategorischen Beweise zur Dummheit
von Baudelaire, die monströse Verkalkung von Verlaine, Tolstoi und Victor Hugo?
Seine Glorifizierung des wissenschaftlichen Geistes von Dubut de Laforeste? ...
Was? ... Was sagen Sie jetzt?
CHAPUZOT: Nichts. (setzt sich an einen Tisch und macht seine Pfeife an)
INTERVIEWER: Glauben Sie auch an diese herrliche und
revolutionäre These, dass die Armut
... ja, die Armut, Chapuzot, nur eine soziale Krankheit ist, eine Tara der Ökonomie,
vielleicht nur eine Neurose?
CHAPUZOT: Ja, sicher, möglich.
INTERVIEWER: Und wissen Sie auch, wie er dieses Problem lösen konnte? ... Hören Sie mir zu?
CHAPUZOT: Ja, natürlich. Mein Gott.
INTERVIEWER: Der illustre Doktor hat sich ein Dutzend
armer Seelen besorgt, mit allen Merkmalen der schärfsten Armut.
CHAPUZOT: Damit kann ich leider nicht helfen.
INTERVIEWER: Halten Sie den Mund. Er hat sie mit Röntgen-Strahlen bearbeitet ... Nun also hören
Sie mir doch zu!
CHAPUZOT: (weiter
gelangweilt) Ja, sicher. Na, klar.
INTERVIEWER: (spielt
mit den Flaschen auf dem Tresen) Diese armen Seelen dachten, es wäre der Magen, die Leber, die Eingeweide,
ernste Verletzungen ... aber sie kamen nicht auf irgendetwas
charakteristisches, spezifisches oder gar sozusagen adäquates, begreifen Sie?
CHAPUZOT: Ja, sicher. Nur weiter, weg von der Leber.
INTERVIEWER: Entscheidend waren schließlich ein paar schwärzliche Flecken, die
nach und nach kamen, im Gehirn und in gesamten zerebral-spinalen System.
CHAPUZOT: (bewegt)
Echt? Wirklich?
INTERVIEWER: Ze - re - bral - spi nal!
CHAPUZOT: Na, klar.
INTERVIEWER: Dieser berühmte Wissenschaftler hat diese Flecken nicht in den Gehirnen
der kranken Reichen, beziehungsweise der Begüterten gefunden .. Verstehen Sie?
CHAPUZOT: Na,klar.
INTERVIEWER: Ab da war es klar: Der Grund für diese demenzielle, neuropathische
Affektion war ganz einfach: Die Armut!
CHAPUZOT: Ja, sicher. Nur weiter!
INTERVIEWER: Sie fragen mich nun, was das für Flecken waren? (während er spricht, öffnet er ein paar Flaschen und füllt sich eine
Mischung ab. Chapuzot beobachtet aufmerksam die Szene) Die sind
vergleichbar mit den Flecken, die die Astronomen auf der Sonne gefunden haben. (rührt um) Sehen Sie, Chapuzot, wie
alles zusammenhängt? Eine Entdeckung führt zu deren nächsten. Stern und Gehirn
verstehen Sie? (Chapuzot streicht weitere
Biere an) Von nun an hatte Lombroso nicht nur die Lösung einer einer
sozialen Frage, sondern auch noch ein weiteres, ebenso wichtiges Problem gelöst.
Ein Problem, das er schon seit langem verfolgte: Die Vereinigung der
Wissenschaften.
CHAPUZOT: (wieder
am Tresen) Also wirklich!
INTERVIEWER: Ich kann Ihnen natürlich nicht die vollständige
physiologische Beschreibung der Flecken geben. Das wäre zu viel für Sie (Chapuzot stimmt vage zur und räumt den
Tresen auf) Egal, übrigens, es reicht, wenn Sie wissen, dass der illustre
Lombroso nach vielen Experimenten schließlich die Natur ... Der Rest war dann
schließlich ein einfaches Spiel für ihn.
CHAPUZOT: Ah. Umso besser. Schlauer Kopf. Puh, mir
ist warm geworden.
INTERVIEWER: Er hat die Armen in Zellen gesperrt, die für seine Untersuchungen einigermaßen
geeignet waren. Sie wurden intensiv ernährt und bekamen Jod-Friktionen auf den
Schädel mit (er imitiert eine Dusche) einer Dusche, hintereinander und immer stärker
- in genau dem richtigen Maß für diese therapeutische Maßnahme - bis zur endgültigen
Heilung. Ich mein, bis diese Armen definitiv reich wurden. Verstehen Sie?
CHAPUZOT: (verzweifelt)
Oh, mein Kopf. Mein Kopf.
INTERVIEWER: Der Kopf ist nicht so wichtig, Chapuzot.
Doktor Socquet, Monsieur Deibler und
ich, wir kriegen das schon hin mit Ihrem Kopf - später.
CHAPUZOT: Doktor Deib?
INTERVIEWER: Also, hören Sie zur gut zu. Nach sieben Monaten Behandlung passierte
Folgendes: Einer der Strolche hat zweihunderttausend Francs geerbt.
CHAPUZOT: Ui!
INTERVIEWER: Der nächste hat das große Los mit Obligationen zum Panamakanal
gezogen.
CHAPUZOT: Das ist ja...
INTERVIEWER: Der Dritte gewann ein hypermodernes Haus aus
einer der Lotterien des Mouvement mit zwölf Millionen Lesern.
CHAPUZOT: Der Glückspilz!
INTERVIEWER: Der vierte hat die Aufsicht gelinkt, ist auf
der Straße überfahren worden,
beide Beine gebrochen. Jetzt hat er ein Schmerzensgeld von 60.000 Francs.
CHAPUZOT: Das ist ja mal was!
INTERVIEWER: Die Anderen sind gestorben. Man hatte sie zu
spät ... na ja ...
CHAPUZOT: Wirklich?
INTERVIEWER: Nichts ist wirklicher als das.
CHAPUZOT: Erstaunlich.
INTERVIEWER: Nein, das ist Wissenschaft. Und ... ach
bringen Sie mir noch ein Bock!
CHAPUZOT: Hier bitte. (serviert und Strich)
INTERVIEWER: (trinkt
aus) Ah, was wollte ich noch sagen Chapuzot?
CHAPUZOT: Geht es also noch weiter?
INTERVIEWER: Sagen Sie mal Chapuzot, welche Art von
Neuropath sind Sie eigentlich. ... Welche psychische Krankheit hat Sie
erwischt? (geht auf Chapuzot zu) Sind
Sie seelisch instabil? Vielleicht ...
CHAPUZOT: Nein, nichts, ich bin einfach nur Wirt.
INTERVIEWER: (geht
hin und her) ein Mystiker, ein Syphilist, ein Alkoholiker, ein Sadist, ein
Bewegungsgestörter,
ein Amateur-Chirurg, ein Dekadenter, ein Sitten-Strolch?
CHAPUZOT: Geben Sie endlich Ruhe. Ich bin Wirt.
Basta!
INTERVIEWER: (sanft
lauernd) Chapuzot?
CHAPUZOT: Sie gehen mir auf die Nerven.
INTERVIEWER: Chapuzot?
CHAPUZOT: Zum Teufel mit Ihnen.
INTERVIEWER: Sie wollen es weiter verleugnen?
CHAPUZOT: Hm.
INTERVIEWER: Sie wollen also der Wissenschaft
widersprechen.
CHAPUZOT: Interessiert mich nicht, was sie sagen.
INTERVIEWER: Sie wollen sich also weiter über die Presse lustig machen.
CHAPUZOT: Sie kann mich mal!
INTERVIEWER: Gut ich werde sie noch dahin bringen. Schauen
Sie mal her.
CHAPUZOT: Es reicht!
INTERVIEWER: Schauen Sie mal (er zieht den Petit Journal aus der Tasche) Da schauen Sie ... hier
steht .. Sie wollen doch nicht bestreiten, dass der Petit Journal eine Autorität ist?
CHAPUZOT: (geschmeichelt)
Na, ja das ist mein Journal.
INTERVIEWER: Ok, gut ... dann schauen wir mal. "Nach
einem handfesten Streit, dessen Grund weiter im Dunkeln liegt ... " ... im
Dunkeln ... verstehen Sie, Chapuzot?
CHAPUZOT: Natürlich verstehe ich Sie.
INTERVIEWER: " ... im Dunkeln liegt ... hat ein
gewisser Chapuzot (zeigt ihm den Journal)
... schauen Sie ... da steht Chapuzot ...
CHAPUZOT: Das stimmt.
INTERVIEWER: Da steht es gedruckt, nicht wahr.
CHAPUZOT: (unruhig)
Stimmt, ja.
INTERVIEWER: Der Petit Journal schreibt weiter ... das ist
doch Ihr Journal?
CHAPUZOT: (besorgt)
Ja sicher, aber was soll das?
INTERVIEWER: (hämisch) Sie sind ja bleich geworden, Chapuzot!
CHAPUZOT: Was schreiben die denn da?
INTERVIEWER: Wir werden sehen ... wir werden sehen, jetzt
sind Sie wohl nicht mehr der Großkotz, der Clown und syphilitisch ... und Simulant?
CHAPUZOT: Also ... das ist jetzt echt stark.
INTERVIEWER: Ok. Dann weiter ... " ein gewisser
Chapuzot, Wirt in Montrouge ..."
CHAPUZOT: (korrigiert)
Montmartre.
INTERVIEWER: Montrouge.
CHAPUZOT: Montmartre.
INTERVIEWER: Montrouge (zeigt
ihm den Journal) ... es geht weiter: "Wirt in Montrouge".
CHAPUZOT: Aber ich bin doch in Montmartre!
INTERVIEWER: Ja, und wo ist da der Unterschied?
CHAPUZOT: Der Unterschied? Wir sind in der Rue
Lepic. Ist die nun in Montrouge oder in Montmartre?
INTERVIEWER: Darum geht
es doch gar nicht. (lesend)
" ... Monsieur Chapuzot, Wirt in Montrouge! ... "
CHAPUZOT: Martre ...
INTERVIEWER: Rouge ...
CHAPUZOT: Martre ... Martre
INTERVIEWER: (lesend)
"... hat eine Flasche Bier auf dem Kopf seiner Frau zerschlagen ... ohnmächtig ... Blutlache ... der Zustand des
Opfers ist sehr ernst ... " und so weiter. Also bitte.
CHAPUZOT: (fest)
Noch einmal. Ich bin nicht in Montrouge, ... weil ich in Montmartre bin.
INTERVIEWER: Rouge ...
CHAPUZOT: Marrrrtre!
INTERVIEWER: Spaß beiseite. Sie heißen doch Chapuzot?
CHAPUZOT: Ja.
INTERVIEWER: Sie sind Wirt?
CHAPUZOT: Ja.
INTERVIEWER: Das steht alles im Petit Journal?
CHAPUZOT: Ja.
INTERVIEWER: Na, also. Dann ist es doch völlig egal, ob Sie von Montrouge oder vom
Montmartre sind.
CHAPUZOT: Aber, mein Gott noch mal, ich sage Ihnen
doch ...
INTERVIEWER: Sie wollen also nicht antworten? Sie glauben,
dass Sie damit davon kommen. Mit dieser kindlichen Verweigerung, diesen
Wortverdrehungen, mit diesen Clownerien? Na, gut!
CHAPUZOT: HERR Journalist ... das ist doch völlig klar ... das versteht doch jeder ...
ich wohne in Mont-martre ..
INTERVIEWER: Rouge ...
CHAPUZOT: Martre ...
INTERVIEWER: Rouge ...
CHAPUZOT: Martre ... martre ... martre und noch mal
martre!
INTERVIEWER: (sich
zur Wut steigernd) Ja ... ja ... nur weiter so ... (geht auf und ab) Ich bin am Ende meiner Geduld ... Im Mouvement,
ein absolut literarisches Blatt, mit dem besten Informationsstand, mit der höchsten Auflage von 12 Millionen Lesen, da
wird stehen, dass Sie Strychnin, Pepsin und sogar Fuschin in Ihr Bier panschen.
Da wird stehen, dass Sie ihrer Tochter ein Kind gemacht haben, ja sogar ein
Infantizid ... da Sie weder Frau, noch Maitresse, noch Familie haben, haben Sie
bestimmt eine Tochter! (Chapuzot will
sprechen, verschluckt sich, hustet, wirkt außer sich) ... ich werde
schreiben, dass Ihre Bude nur so wimmelt von Anarchisten, Sektierern,
Freimaurern und Geldfälschern. Ich werde sagen, dass Ihre Frau mit dem ganzen
Stadtteil schläft und Ihre Tante ... Ihre ... Wir werden ja sehen, ob Sie es
dann noch wagen, sich über die Presse lustig zu machen ... über die ehrenhafte
Stimme der Presse.
CHAPUZOT: (fix
und fertig) Also ... ich sage Ihnen doch ... in Gottes Namen ... das ist
einfach zu stark ... denn ... ich wohne doch in Montmartre!
INTERVIEWER: Rouge!
CHAPUZOT: Martre ... Mont-martre!
INTERVIEWER: Ich werde Sie ruinieren ... entehren ... man
spaßt nicht mit der Presse
... ich habe Ihnen gesagt, die Presse ist das universelle Gewissen ... wo ist
Ihre Frau?
CHAPUZOT: Meine Frau? Schon wieder? (verlässt
den Tresen, fast unterwürfig) Ich habe doch keine Frau?
INTERVIEWER: Was? Sie haben gar keine Frau? Und Sie
schlagen Ihr Bierflaschen auf den Kopf?
CHAPUZOT: Nein ... nein ... nein.
INTERVIEWER: Versuchen Sie es doch einmal mit Logik ...
bei all Ihren Negationen.
CHAPUZOT: Aber ...
INTERVIEWER: Bringen Sie Ihre Frau ... vielleicht wird sie
doch etwas sagen.
CHAPUZOT: (mit
erstickter Stimme) Es ist doch ... ich hab doch ..
INTERVIEWER: Ich muss sie sehen ... ich muss ihr ein paar
Fragen stellen.
CHAPUZOT: Ah. Ah.
INTERVIEWER: So langsam begreife ich seine Psyche ...
CHAPUZOT: Schwein!
INTERVIEWER: Jetzt kommt sein Stammhirn.
CHAPUZOT: Ferkel!
INTERVIEWER: Wie ist sie - Ihre Frau? ... blond? ...
kastanienbraun? ... groß?
... gut gebaut? ... leidenschaftlich ... schamhaft ... haben Sie sie verführt
... wie oft musste sie schon abtreiben ... ein Mal ... zwei Mal ... Sie wollen nicht antworten? Sie wollen
nicht mitarbeiten? Natürlich! Autismus und Entführung ... ist doch klar? Gut,
sehen wir das Lächerliche ... mir soll's Recht sein. (reibt sich die Hände) Also, dann zum Abschluss. (geht auf ihn zu) Was halten Sie von der
drahtlosen Telepathie? (PAUSE) Woher
kommen nach Ihrer Meinung die hypnotischen Phänomene? (PAUSE) Warum sinkt eigentlich die Bevölkerung? (PAUSE) Haben Sie eine klare Position
zum Staatssozialismus ... zu den amerikanischen Großunternehmen, dem
Malthusianismus im Theater ... und der globalen Abrüstung (Schweigen. Chapuzot steht an der Wand. Interviewer packt ihn und
schlägt ihn auf den Tisch.) Welchen Weg soll die Literatur einschlagen? (beide Hände auf Chapuzots Brust)
Optimistisch? ... pessimistisch? Humanistisch? ... symbolistisch? ...
naturalistisch? Ok, Sie wollen also schweigen, Sie greifen also offen die
Presse an ... die wird es ihnen zeigen. (holt
seinen Hut und seinen Fotoapparat) Die wird es Ihnen zeigen ... und ich
sage Ihnen ...(drohend) noch ein
Bock, bitte.
CHAPUZOT: Hier, bitte!
INTERVIEWER: Ich geh' jetzt. Ich werde Ihre Nachbarn
fragen ... und die Nachbarn von Ihren Nachbarn ... die Nachbarn von Ihren
Nachbarn sind schließlich
unsere Nachbarn. Klar? Das war's. (geht
zur Türe)
CHAPUZOT: (zählt
die Striche auf dem Deckel und läuft dem Interviewer nach) Monsieur?
INTERVIEWER: Nein. Und nochmal nein!
CHAPUZOT: Aber Monsieur?
INTERVIEWER: Nein. Nein. Das war's. Das ist jetzt zu spät.
CHAPUZOT: Aber Sie müssen noch zwölf Bock bezahlen!
INTERVIEWER: (drohend)
Die Presse ist niemals etwas schuldig. (nimmt
den Deckel und wirft ihn aus dem Fenster. Geht raus.)
CHAPUZOT: (will den Deckel fangen, stößt sich den Kopf an der Fensterscheibe und jammert) Mein Gott, mein Gott!
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