Mittwoch, 27. Mai 2015

Das Interview nach Octave Mirbeau

INTERVIEWER:   Monsieur Chapuzot, sind Sie das?
CHAPUZOT:      Das bin ich, Monsieur. Zu Diensten.
INTERVIEWER:   Sehr gut. (mustert ihn aufmerksam) Groß ... braune Haare ...  45 Jahre ... kurze Arme ... Gesicht wie ein Tier ... Ja, das ist er.
CHAPUZOT:      Was gibt's?
INTERVIEWER:   Erst mal ein Bock!
CHAPUZOT:      Hier bitte!
INTERVIEWER:   Gut gezapft!
CHAPUZOT:      Ja, bitte!
INTERVIEWER:   Das soll gut gezapft sein? Na, ja. Zeigen Sie mal Ihren linken Ärmel.
CHAPUZOT:      Meinen linken Ärmel? Entschuldigen Sie ... aber ..
INTERVIEWER:   Und zeigen Sie mir Ihren Arm.
CHAPUZOT:      (misstrauisch) Ja, aber ...
INTERVIEWER:   (fordernd) Also bitte, jetzt!
CHAPUZOT:      (zieht seinen Ärmel hoch) (beiseite) Er will wohl meine Impfung überprüfen.
INTERVIEWER:   (untersucht den Ärmel) Aha, tätowiert, habe ich es doch geahnt. Eine Blumenvase zwischen zwei Herzen. Perfekt, perfekt. (Er holt seinen Fotoapparat heraus) Moment ... Achtung
CHAPUZOT:      (besorgt) Mit wem habe ich die Ehre?
INTERVIEWER:   Nicht bewegen! Moment. (positioniert die Kamera)
CHAPUZOT:      Eine Fotografie?
INTERVIEWER:   (bedient den Auslöser) Sehr gut ... jetzt im Profil.
CHAPUZOT:      (geduldig) Auch noch?
INTERVIEWER:   So, ist gut. Nicht mehr bewegen.
CHAPUZOT:      (geduldig) Noch mal?
INTERVIEWER:   Es geht weiter. Das war's. Jetzt der Rücken, bitte. Der Rücken ist auch ein Gesicht.
CHAPUZOT:      (beiseite)Ein seltsamer Fotograf.
INTERVIEWER:   Aufgepasst! So. (setzt den Fotoapparat auf den Tisch) Jetzt kommen die Maße. (Er zieht ein Maßband aus der Tasche und misst) Taille ... eins sechsundsechzig (schreibt es in sein Heft)
CHAPUZOT:      (beiseite) Das ist ein Schneider.
INTERVIEWER:   (untersucht die Hand von Chapuzot) Schaufeldaumen ... (betastet die Wangen) Jochbein steht vor ... asymmetrisches Gesicht ... (betastet das Kinn) Leichter Vorbeißer Oho! Der ist ja noch gefährlicher, als ich dachte.
CHAPUZOT:      (beiseite) Wirklich ein seltsamer Schneider!
INTERVIEWER:   Nun, dann wollen wir einmal miteinander sprechen.
CHAPUZOT:      Entschuldigen Sie, was sagten Sie?
INTERVIEWER:   Wie?
CHAPUZOT:      Ja, wer sind Sie?
INTERVIEWER:   Der Chefreporter vom Mouvement.
CHAPUZOT:      Ah.
INTERVIEWER:   (mitleidig) Sie kennen den Mouvement nicht? Ein literarisches Spitzenprodukt ... die besten Recherchen ... mit der höchsten Auflage ... zwölf Millionen Leser! Wir verlosen an unsere Leser Automobile, Wochenendhäuser, Rentenansprüche und Damen aus besten Häusern. Das müssen Sie doch kennen!
CHAPUZOT:      Ach ja, natürlich.
INTERVIEWER:   Also, ich habe es eilig ... Berthelot kommt gleich ... dann der Belgische König ... Bitte seien Sie so nett und beantworten Sie einfach zügig meine interessanten Fragen, die ich für Sie vorbereitet habe. Aber ... zuerst noch ein Bock.
CHAPUZOT:      Ja. Sicher.
INTERVIEWER:   (zieht sein Notizbuch heraus) Das ist der psychologische Moment.
CHAPUZOT:      (stellt das Bock hin) Ich würde schon gerne ein Wochenendhaus gewinnen.
INTERVIEWER:   (trinkt das Bier mit einem Zug aus und schaut CHAPUZOT scharf an) Sie sind Wirt?
CHAPUZOT:      (zeigt auf sein Bistro) Na, also, das sieht man doch, denke ich.
INTERVIEWER:   Ein schmutziges Geschäft. Monsieur. Antipatriotisch sozusagen. Trunkenheit, Ausschweifungen, Alkoholismus, Degeneration, Depopulation, Sozialismus, wahrscheinlich ... (CHAPUZOT versucht zu protestieren) dieses ganze Giftzeug ... genau ... ja, danach sehen sie aus.
CHAPUZOT:      Also, ich bitte Sie!
INTERVIEWER:   Na, gut. Darum geht es hier jetzt nicht. Ich bin für diese Umfrage verantwortlich ... also ... Das ist jetzt dringend ... Zur Sache!
CHAPUZOT:      Ach, so schlimm ist das alles nicht. Vielleicht gewinne ich sogar ein Automobil.
INTERVIEWER:   (mit ironischem Ernst) Sie sind also Wirt? Sie können das bezeugen?
CHAPUZOT:      Also, ehrlich ...
INTERVIEWER:   Und Sie heißen wirklich Chapuzot?
CHAPUZOT:      Ja, Théodule Joseph ..
INTERVIEWER:   Passen Sie jetzt genau auf, was ich Ihnen sage. Das ist jetzt kein Spaß, wirklich nicht.
CHAPUZOT:      (erschrocken) Ich heiße Chapuzot, wie mein Vater.
INTERVIEWER:   Gut ... und Sie haben seit längerem ein ... gestörtes Verhältnis zu Ihrer Frau?
CHAPUZOT:      (schockiert) Zu meiner Frau?
INTERVIEWER:   Ja, sicher doch!
CHAPUZOT:      Also ... ehrlich ... ich bin doch gar nicht verheiratet.
INTERVIEWER:   Ganz klar! Auch noch außerehelicher Beischlaf ... Da kommt was zusammen  (macht sich Notizen) Sie verstehen sich also nicht mit Ihrer ... Beischläferin?
CHAPUZOT:      Also! Was erzählen Sie da? ... Mit meiner Beischläferin?
INTERVIEWER:   Also, sie tun so als ob wären Sie nicht verheiratet, wie soll ich das denn nennen, was Sie so nervt ... (fröhlich) etwa Ihre Unterlage?
CHAPUZOT:      Also, sie ist nett ... also sie ist liebenswert ... sie ist keine Unterlage ... eine Beischläferin ist sie auch nicht.
INTERVIEWER:   (macht sich ernsthaft lustig) Sie sind nicht verheiratet, haben keine Unterlage, und keine Beischläferin? Also mal ehrlich, Herr Chapuzot!
CHAPUZOT:      Das ist doch die Wahrheit.
INTERVIEWER:   Die Wahrheit? Also, so geht das nicht. Das können Sie mir nicht erzählen. Ich kenne Sie doch, ich kenne Alle. Zwecklos weiter zu leugnen. Also Ihre Frau betrügt Sie. Oder betrügen Sie Ihre Frau. ... Also, wer betrügt hier eigentlich wen?
CHAPUZOT:      Also ehrlich! Sie haben mich nicht verstanden ... ich sage Ihnen ...
INTERVIEWER:   Ja ... ja ... Sie wollen also ganz besonders schlau sein?
CHAPUZOT:      (gequält) Also, ich sage Ihnen doch ...
INTERVIEWER:   Sie wollen den Clown spielen ... den Großkotz ... den Simulanten?
CHAPUZOT:      Also, hören Sie doch ...
INTERVIEWER:   Bei der Presse zieht das nicht ... ich rate Ihnen ... spielen Sie dieses Spiel nicht mit der Presse. (seriös, drohend) Ich bin die Presse, HERR Chapuzot, für zwölf Millionen Leser.
CHAPUZOT:      Und was soll ich denn tun?
INTERVIEWER:   Die Presse ist die große, moderne Macht ... die große Erzieherin ... das moderne, universelle Wissen ... Sie richtet und verurteilt ... Ein Bock!
CHAPUZOT:      Ja, natürlich .. Hier ... bitte. (Serviert ein Bock)
INTERVIEWER:   (mit dem Bock in der Hand) Die Presse, Chapuzot, ... ist die Einzige ... ja, nur sie ... ist Polizei ... Rechtsprechung und ... und ... (er trinkt) Sie entschädigt, züchtigt und vergibt. (trinkt sein Bock aus) ... so, wie man sie bewertet ... die Presse ist alles ... vergessen Sie das bloß nicht ... (gibt das leere Bock Chapuzot, der es auf den Tresen setzt)
CHAPUZOT:      Nun, gut. Aber was habe ich damit zu tun?
INTERVIEWER:   Damit? Also ehrlich ... Haben Sie sich ... mit dem Mouvement vernetzt?
CHAPUZOT:      Vernetzt?
INTERVIEWER:   Mensch, Chapuzot, jeder ist im Netz. Die Regierung, die Verwaltung, die Banken, der Handel, die Industrie, die Richter, die Rechtsanwälte, die Kläger, die Ärzte, die Kranken, die Frauen, die fremd gehen, die Schwuchteln, die Maler ... und Sie nicht? Sie sind nicht mit dem Mouvement vernetzt? Sie sind echt arm dran, Chapuzot.
CHAPUZOT:      Was bedeutet "vernetzt"?
INTERVIEWER:   Wollen Sie mich vera ... uf den Arm nehmen. Sie machen sich lustig über mich! (tippt auf einen Knopf der Weste von Chapuzot) Warum haben Sie die Flasche Bier auf dem Kopf Ihrer Frau zerschlagen?
CHAPUZOT:      Eine Flasche Bier?
INTERVIEWER:   Ja, also, sagen Sie es!
CHAPUZOT:      Eine Flasche Bier? Mein Gott!
INTERVIEWER:   Da können Sie also nichts mehr sagen. Nun, gut ...
CHAPUZOT:      Eine Flasche Bier ... Gott steh mir bei!
INTERVIEWER:   (beschwörend) Schweigen Sie ... , lügen Sie nicht ... (deklamieren) Bitte, lügen Sie niemals, jede Lüge ist eine Gotteslästerung. Bei der Presse kommen Sie damit nicht durch. Also, ich versuche es noch einmal - obwohl Sie nicht mit dem Mouvement vernetzt sind. Also! (klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter) Also, mein Chapuzot,  mein lieber Chapuzot. Wie kam es denn zu diesem wilden und brutalen Akt? Sie sehen doch eigentlich anständig aus, ... was zum Teufel ... eine primitive Rache? ... ein plötzlicher unüberlegter Wutausbruch? ... eine Eingebung? ... eine Magenverstimmung? ... ... Na? (Chapuzot zeigt einfach nur Entsetzen) Gut, dann versuchen wir es einmal auf die sanfte Tour ... (streichelt ihm die Schulter) War es Leidenschaft, psychologisch oder Urinstinkt?
CHAPUZOT:      Ur ... in ... was?
INTERVIEWER:   Ur ... in ... stinkt.
CHAPUZOT:      Nein, nein, nein!
INTERVIEWER:   Nein? Sie wissen es nicht? Sie wissen nicht einmal mehr, was Sie tun. (mitleidig) Sie haben überhaupt keine wissenschaftliche Kultur? Sie haben den Verstand einer Laus? (schnackt vor seiner Stirn)
CHAPUZOT:      (scheint eine Fliege zu fangen) Ach, was soll's!  (kümmert sich um das Geschirr hinter dem Tresen)
INTERVIEWER:   Sie tun mir echt leid, Chapuzot. Sie sind einfach intellektuell debil, in Zusammenhang mit einer volontären Obstination. Also, hören Sie mir zu. (merkt, dass Chapuzot verschwunden ist. Lehnt sich über die Theke) Ich will Ihnen die Frage andersherum stellen ... damit sie es mit Ihrem Intelligenzgrad noch hinkriegen ... zwei Bock-Bier.
CHAPUZOT:      (taucht plötzlich wieder auf) Hier! ... Da!
INTERVIEWER:   Stoßen wir an!
CHAPUZOT:      (mit einem Lächeln) Das gefällt mir schon besser.
INTERVIEWER:   Prost!
CHAPUZOT:      Prost! (Sie scheinen sich beide wieder gefangen zu haben.)
INTERVIEWER:   Chapuzot, ich bin Ihr Freund, antworten Sie mir wie einem Freund. Liebster Chapuzot!
CHAPUZOT:      (lächelt und macht zwei weitere Striche auf den Bierdeckel) Na, so was!
INTERVIEWER:   (streichelt ihm die Wangen) Haben Sie eigentlich viele Mörder in Ihrer Familie? Wenn Sie also keine Frau und keine Freundin haben, haben Sie vielleicht eine Familie? Na?
CHAPUZOT:      (verzweifelt) Jetzt fängt das schon wieder an!
INTERVIEWER:   Also keine Familie? Seltsam, aber sicher, nach alledem ... Das arme kleine Waisenkind, von der Mutter verlassen. Armer Chapuzot. (Chapuzot beschäftigt sich hinter der Theke. Der Interviewer verfolgt ihn mit den Augen bei der Arbeit.) Sicher ... seit Ihrer Geburt haben Sie die niedrigen Instinkte der Einsamkeit beherrscht. Das bedauernswerte Vagabundentum als Obdachloser? Ja ... das wäre eine Erklärung, vielleicht sogar eine Entschuldigung.
CHAPUZOT:      (geht auf und ab, die Fäuste geballt) Ah! Ah! Ah!
INTERVIEWER:   Da sagen Sie nichts mehr? ... Das hat Ihnen die Stimme verschlagen?
CHAPUZOT:      Mein, Gott! Was soll ich dazu sagen?
INTERVIEWER:   Gut, wechseln wir das Thema. Sie sehen ja, ich habe Geduld, Standvermögen und Feingefühl. Ich gehe nicht davon aus, dass Sie mich bewusst täuschen wollen. (geht auf und ab) Haben Sie sich etwas besonderes dabei gedacht, als Sie die Flasche Bier ausgesucht haben?
CHAPUZOT:      Was haben Sie denn schon wieder mit der Flasche Bier? Was soll das?
INTERVIEWER:   Warum ausgerechnet eine Flasche Bier? Warum nicht eine Flasche Korn ... oder Jägermeister?
CHAPUZOT:      Nein! Nein! (räumt weiter auf)
INTERVIEWER:   Passen Sie auf, was Sie sagen. Chapuzot, vielleicht findet das Gericht hier etwas, was Sie be- oder entlasten könnte - je nachdem, was Sie sagen.
CHAPUZOT:      Das Gericht? Was für ein Gericht?
INTERVIEWER:   Vielleicht der berühmte Doktor Socquet ... eine Leuchte der Wissenschaften .. . (maliziös freundlich) Der wird Sie bestimmt fragen (mit offener Freude) der wird die Leichenschau machen, vielleicht findet er ja eine Flasche Bier (emphatisch) das wäre ein anthropologisches Phänomen von moralischer Verantwortung!
CHAPUZOT:      Ich verstehe gar nichts mehr. Mein Gott!
INTERVIEWER:   Sie verstehen nichts? Sie verstehen nicht, was ich Sie frage? Also hören Sie mal gut zu ... nach der vollständigen Sachlage Ihres  Verbrechens ...
CHAPUZOT:      Meines Verbrechens, also jetzt  ...
INTERVIEWER:   Sollen wir mal die geistige Chemie dieses Verbrechens untersuchen? Ja, dann wird manches klar. Leuchtet es jetzt ein?
CHAPUZOT:      Sie wissen?
INTERVIEWER:   Nein, Sie können sich nicht mehr hinter der Dunkelheit meiner Worte verstecken ... auch in dem Abgrund meiner Fragen. Antworten Sie!
CHAPUZOT:      Ich glaube, ich möchte jetzt lieber gehen.
INTERVIEWER:   Sie unbelehrbarer Mensch! Schauen Sie! Versuchen wir es anders herum. ... Kennen Sie den berühmten Doktor Cesare Lombroso?
CHAPUZOT:      Lom ...?
INTERVIEWER:   broso ... genau so!
CHAPUZOT:      (ist von der Rolle nimmt eine Gießkanne und gießt die Theke) Den kenne ich ... den kenne ich nicht ... egal ... wie Sie wollen!
INTERVIEWER:   (deklamierend) Ein Genie, Chapuzot!
CHAPUZOT:      Ja, sicher. Ich sag's doch.
INTERVIEWER:   (klopft auf die Theke) Ein Genie einfach frappant, Chapuzot!
CHAPUZOT:      (gequält) Ja, ich glaube es Ihnen ja ..
INTERVIEWER:   Ein außerordentlicher und hochbegabter Wissenschaftler ... er hat herausgefunden, dass alle genialen Menschen in der Seele brutal und Mörder waren!
CHAPUZOT:      Schon gut.
INTERVIEWER:   Brutal und Mörder - das sind die Genies!
CHAPUZOT:      Ja, sicher, von mir aus.
INTERVIEWER:   Und was denken Sie über die Arbeiten des illustren Doktor Cesare? Wie bewerten Sie seine hochinteressanten Entdeckungen in Bezug auf die Verbrecher von Geburt an, ... die physische Kälte von Mördern und Frauen? Und seine  kategorischen Beweise zur Dummheit von Baudelaire, die monströse Verkalkung von Verlaine, Tolstoi und Victor Hugo? Seine Glorifizierung des wissenschaftlichen Geistes von Dubut de Laforeste? ... Was? ... Was sagen Sie jetzt?
CHAPUZOT:      Nichts. (setzt sich an einen Tisch und macht seine Pfeife an)
INTERVIEWER:   Glauben Sie auch an diese herrliche und revolutionäre These, dass die Armut ... ja, die Armut, Chapuzot, nur eine soziale Krankheit ist, eine Tara der Ökonomie, vielleicht nur eine Neurose?
CHAPUZOT:      Ja, sicher, möglich.
INTERVIEWER:   Und wissen Sie auch, wie er dieses Problem lösen konnte? ... Hören Sie mir zu?
CHAPUZOT:      Ja, natürlich. Mein Gott.
INTERVIEWER:   Der illustre Doktor hat sich ein Dutzend armer Seelen besorgt, mit allen Merkmalen der schärfsten Armut.
CHAPUZOT:      Damit kann ich leider nicht helfen.
INTERVIEWER:   Halten Sie den Mund. Er hat sie mit Röntgen-Strahlen bearbeitet ... Nun also hören Sie mir doch zu!
CHAPUZOT:      (weiter gelangweilt) Ja, sicher. Na, klar.
INTERVIEWER:   (spielt mit den Flaschen auf dem Tresen) Diese armen Seelen dachten, es wäre der Magen, die Leber, die Eingeweide, ernste Verletzungen ... aber sie kamen nicht auf irgendetwas charakteristisches, spezifisches oder gar sozusagen adäquates, begreifen Sie?
CHAPUZOT:      Ja, sicher. Nur weiter, weg von der Leber.
INTERVIEWER:   Entscheidend waren schließlich ein paar schwärzliche Flecken, die nach und nach kamen, im Gehirn und in gesamten zerebral-spinalen System.
CHAPUZOT:      (bewegt) Echt? Wirklich?
INTERVIEWER:   Ze - re - bral - spi nal!
CHAPUZOT:      Na, klar.
INTERVIEWER:   Dieser berühmte Wissenschaftler hat diese Flecken nicht in den Gehirnen der kranken Reichen, beziehungsweise der Begüterten gefunden .. Verstehen Sie?
CHAPUZOT:      Na,klar.
INTERVIEWER:   Ab da war es klar: Der Grund für diese demenzielle, neuropathische Affektion war ganz einfach: Die Armut!
CHAPUZOT:      Ja, sicher. Nur weiter!
INTERVIEWER:   Sie fragen mich nun, was das für Flecken waren? (während er spricht, öffnet er ein paar Flaschen und füllt sich eine Mischung ab. Chapuzot beobachtet aufmerksam die Szene) Die sind vergleichbar mit den Flecken, die die Astronomen auf der Sonne gefunden haben. (rührt um) Sehen Sie, Chapuzot, wie alles zusammenhängt? Eine Entdeckung führt zu deren nächsten. Stern und Gehirn verstehen Sie? (Chapuzot streicht weitere Biere an) Von nun an hatte Lombroso nicht nur die Lösung einer einer sozialen Frage, sondern auch noch ein weiteres, ebenso wichtiges Problem gelöst. Ein Problem, das er schon seit langem verfolgte: Die Vereinigung der Wissenschaften.
CHAPUZOT:      (wieder am Tresen) Also wirklich!
INTERVIEWER:   Ich kann Ihnen natürlich nicht die vollständige physiologische Beschreibung der Flecken geben. Das wäre zu viel für Sie (Chapuzot stimmt vage zur und räumt den Tresen auf) Egal, übrigens, es reicht, wenn Sie wissen, dass der illustre Lombroso nach vielen Experimenten schließlich die Natur ... Der Rest war dann schließlich ein einfaches Spiel für ihn.
CHAPUZOT:      Ah. Umso besser. Schlauer Kopf. Puh, mir ist warm geworden.
INTERVIEWER:   Er hat die Armen in Zellen gesperrt, die für seine Untersuchungen einigermaßen geeignet waren. Sie wurden intensiv ernährt und bekamen Jod-Friktionen auf den Schädel mit  (er imitiert eine Dusche) einer Dusche, hintereinander und immer stärker - in genau dem richtigen Maß für diese therapeutische Maßnahme - bis zur endgültigen Heilung. Ich mein, bis diese Armen definitiv reich wurden. Verstehen Sie?
CHAPUZOT:      (verzweifelt) Oh, mein Kopf. Mein Kopf.
INTERVIEWER:   Der Kopf ist nicht so wichtig, Chapuzot. Doktor Socquet, Monsieur Deibler und  ich, wir kriegen das schon hin mit Ihrem Kopf - später.
CHAPUZOT:      Doktor Deib?
INTERVIEWER:   Also, hören Sie zur gut zu. Nach sieben Monaten Behandlung passierte Folgendes: Einer der Strolche hat zweihunderttausend Francs geerbt.
CHAPUZOT:      Ui!
INTERVIEWER:   Der nächste hat das große Los mit Obligationen zum Panamakanal gezogen.
CHAPUZOT:      Das ist ja...
INTERVIEWER:   Der Dritte gewann ein hypermodernes Haus aus einer der Lotterien des Mouvement mit zwölf Millionen Lesern.
CHAPUZOT:      Der Glückspilz!
INTERVIEWER:   Der vierte hat die Aufsicht gelinkt, ist auf der Straße überfahren worden, beide Beine gebrochen. Jetzt hat er ein Schmerzensgeld von 60.000 Francs.
CHAPUZOT:      Das ist ja mal was!
INTERVIEWER:   Die Anderen sind gestorben. Man hatte sie zu spät ... na ja ...
CHAPUZOT:      Wirklich?
INTERVIEWER:   Nichts ist wirklicher als das.
CHAPUZOT:      Erstaunlich.
INTERVIEWER:   Nein, das ist Wissenschaft. Und ... ach bringen Sie mir noch ein Bock!
CHAPUZOT:      Hier bitte. (serviert und Strich)
INTERVIEWER:   (trinkt aus) Ah, was wollte ich noch sagen Chapuzot?
CHAPUZOT:      Geht es also noch weiter?
INTERVIEWER:   Sagen Sie mal Chapuzot, welche Art von Neuropath sind Sie eigentlich. ... Welche psychische Krankheit hat Sie erwischt? (geht auf Chapuzot zu) Sind Sie seelisch instabil? Vielleicht ...
CHAPUZOT:      Nein, nichts, ich bin einfach nur Wirt.
INTERVIEWER:   (geht hin und her) ein Mystiker, ein Syphilist, ein Alkoholiker, ein Sadist, ein Bewegungsgestörter, ein Amateur-Chirurg, ein Dekadenter, ein Sitten-Strolch?
CHAPUZOT:      Geben Sie endlich Ruhe. Ich bin Wirt. Basta!
INTERVIEWER:   (sanft lauernd) Chapuzot?
CHAPUZOT:      Sie gehen mir auf die Nerven.
INTERVIEWER:   Chapuzot?
CHAPUZOT:      Zum Teufel mit Ihnen.
INTERVIEWER:   Sie wollen es weiter verleugnen?
CHAPUZOT:      Hm.
INTERVIEWER:   Sie wollen also der Wissenschaft widersprechen.
CHAPUZOT:      Interessiert mich nicht, was sie sagen.
INTERVIEWER:   Sie wollen sich also weiter über die Presse lustig machen.
CHAPUZOT:      Sie kann mich mal!
INTERVIEWER:   Gut ich werde sie noch dahin bringen. Schauen Sie mal her.
CHAPUZOT:      Es reicht!
INTERVIEWER:   Schauen Sie mal (er zieht den Petit Journal aus der Tasche) Da schauen Sie ... hier steht .. Sie wollen doch nicht bestreiten, dass der Petit Journal eine Autorität ist?
CHAPUZOT:      (geschmeichelt) Na, ja das ist mein Journal.
INTERVIEWER:   Ok, gut ... dann schauen wir mal. "Nach einem handfesten Streit, dessen Grund weiter im Dunkeln liegt ... " ... im Dunkeln ... verstehen Sie, Chapuzot?
CHAPUZOT:      Natürlich verstehe ich Sie.
INTERVIEWER:   " ... im Dunkeln liegt ... hat ein gewisser Chapuzot (zeigt ihm den Journal) ... schauen Sie ... da steht Chapuzot ...
CHAPUZOT:      Das stimmt.
INTERVIEWER:   Da steht es gedruckt, nicht wahr.
CHAPUZOT:      (unruhig) Stimmt, ja.
INTERVIEWER:   Der Petit Journal schreibt weiter ... das ist doch Ihr Journal?
CHAPUZOT:      (besorgt) Ja sicher, aber was soll das?
INTERVIEWER:   (hämisch) Sie sind ja bleich geworden, Chapuzot!
CHAPUZOT:      Was schreiben die denn da?
INTERVIEWER:   Wir werden sehen ... wir werden sehen, jetzt sind Sie wohl nicht mehr der Großkotz, der Clown und syphilitisch ... und Simulant?
CHAPUZOT:      Also ... das ist jetzt echt stark.
INTERVIEWER:   Ok. Dann weiter ... " ein gewisser Chapuzot, Wirt in Montrouge ..."
CHAPUZOT:      (korrigiert) Montmartre.
INTERVIEWER:   Montrouge.
CHAPUZOT:      Montmartre.
INTERVIEWER:   Montrouge (zeigt ihm den Journal) ... es geht weiter: "Wirt in Montrouge".
CHAPUZOT:      Aber ich bin doch in Montmartre!
INTERVIEWER:   Ja, und wo ist da der Unterschied?
CHAPUZOT:      Der Unterschied? Wir sind in der Rue Lepic. Ist die nun in Montrouge oder in Montmartre?
INTERVIEWER:   Darum geht  es doch gar nicht. (lesend) " ... Monsieur Chapuzot, Wirt in Montrouge! ... "
CHAPUZOT:      Martre ...
INTERVIEWER:   Rouge ...
CHAPUZOT:      Martre ... Martre
INTERVIEWER:   (lesend) "... hat eine Flasche Bier auf dem Kopf seiner Frau zerschlagen ... ohnmächtig ... Blutlache ... der Zustand des Opfers ist sehr ernst ... " und so weiter. Also bitte.
CHAPUZOT:      (fest) Noch einmal. Ich bin nicht in Montrouge, ... weil ich in Montmartre bin.
INTERVIEWER:   Rouge ...
CHAPUZOT:      Marrrrtre!
INTERVIEWER:   Spaß beiseite. Sie heißen doch Chapuzot?
CHAPUZOT:      Ja.
INTERVIEWER:   Sie sind Wirt?
CHAPUZOT:      Ja.
INTERVIEWER:   Das steht alles im Petit Journal?
CHAPUZOT:      Ja.
INTERVIEWER:   Na, also. Dann ist es doch völlig egal, ob Sie von Montrouge oder vom Montmartre sind.
CHAPUZOT:      Aber, mein Gott noch mal, ich sage Ihnen doch ...
INTERVIEWER:   Sie wollen also nicht antworten? Sie glauben, dass Sie damit davon kommen. Mit dieser kindlichen Verweigerung, diesen Wortverdrehungen, mit diesen Clownerien? Na, gut!
CHAPUZOT:      HERR Journalist ... das ist doch völlig klar ... das versteht doch jeder ... ich wohne in Mont-martre ..
INTERVIEWER:   Rouge ...
CHAPUZOT:      Martre ...
INTERVIEWER:   Rouge ...
CHAPUZOT:      Martre ... martre ... martre und noch mal martre!
INTERVIEWER:   (sich zur Wut steigernd) Ja ... ja ... nur weiter so ... (geht auf und ab) Ich bin am Ende meiner Geduld ... Im Mouvement, ein absolut literarisches Blatt, mit dem besten Informationsstand, mit der höchsten Auflage von 12 Millionen Lesen, da wird stehen, dass Sie Strychnin, Pepsin und sogar Fuschin in Ihr Bier panschen. Da wird stehen, dass Sie ihrer Tochter ein Kind gemacht haben, ja sogar ein Infantizid ... da Sie weder Frau, noch Maitresse, noch Familie haben, haben Sie bestimmt eine Tochter! (Chapuzot will sprechen, verschluckt sich, hustet, wirkt außer sich) ... ich werde schreiben, dass Ihre Bude nur so wimmelt von Anarchisten, Sektierern, Freimaurern und Geldfälschern. Ich werde sagen, dass Ihre Frau mit dem ganzen Stadtteil schläft und Ihre Tante ... Ihre ... Wir werden ja sehen, ob Sie es dann noch wagen, sich über die Presse lustig zu machen ... über die ehrenhafte Stimme der Presse.
CHAPUZOT:      (fix und fertig) Also ... ich sage Ihnen doch ... in Gottes Namen ... das ist einfach zu stark ... denn ... ich wohne doch in Montmartre!
INTERVIEWER:   Rouge!
CHAPUZOT:      Martre ... Mont-martre!
INTERVIEWER:   Ich werde Sie ruinieren ... entehren ... man spaßt nicht mit der Presse ... ich habe Ihnen gesagt, die Presse ist das universelle Gewissen ... wo ist Ihre Frau?
CHAPUZOT:      Meine Frau? Schon wieder?  (verlässt den Tresen, fast unterwürfig) Ich habe doch keine Frau?
INTERVIEWER:   Was? Sie haben gar keine Frau? Und Sie schlagen Ihr Bierflaschen auf den Kopf?
CHAPUZOT:      Nein ... nein ... nein.
INTERVIEWER:   Versuchen Sie es doch einmal mit Logik ... bei all Ihren Negationen.
CHAPUZOT:      Aber ...
INTERVIEWER:   Bringen Sie Ihre Frau ... vielleicht wird sie doch etwas sagen.
CHAPUZOT:      (mit erstickter Stimme) Es ist doch ... ich hab doch ..
INTERVIEWER:   Ich muss sie sehen ... ich muss ihr ein paar Fragen stellen.
CHAPUZOT:      Ah. Ah.
INTERVIEWER:   So langsam begreife ich seine Psyche ...
CHAPUZOT:      Schwein!
INTERVIEWER:   Jetzt kommt sein Stammhirn.
CHAPUZOT:      Ferkel!
INTERVIEWER:   Wie ist sie - Ihre Frau? ... blond? ... kastanienbraun? ... groß? ... gut gebaut? ... leidenschaftlich ... schamhaft ... haben Sie sie verführt ... wie oft musste sie schon abtreiben ... ein Mal ... zwei Mal  ... Sie wollen nicht antworten? Sie wollen nicht mitarbeiten? Natürlich! Autismus und Entführung ... ist doch klar? Gut, sehen wir das Lächerliche ... mir soll's Recht sein. (reibt sich die Hände) Also, dann zum Abschluss. (geht auf ihn zu) Was halten Sie von der drahtlosen Telepathie? (PAUSE) Woher kommen nach Ihrer Meinung die hypnotischen Phänomene? (PAUSE) Warum sinkt eigentlich die Bevölkerung? (PAUSE) Haben Sie eine klare Position zum Staatssozialismus ... zu den amerikanischen Großunternehmen, dem Malthusianismus im Theater ... und der globalen Abrüstung (Schweigen. Chapuzot steht an der Wand. Interviewer packt ihn und schlägt ihn auf den Tisch.) Welchen Weg soll die Literatur einschlagen? (beide Hände auf Chapuzots Brust) Optimistisch? ... pessimistisch? Humanistisch? ... symbolistisch? ... naturalistisch? Ok, Sie wollen also schweigen, Sie greifen also offen die Presse an ... die wird es ihnen zeigen. (holt seinen Hut und seinen Fotoapparat) Die wird es Ihnen zeigen ... und ich sage Ihnen ...(drohend) noch ein Bock, bitte.
CHAPUZOT:      Hier, bitte!
INTERVIEWER:   Ich geh' jetzt. Ich werde Ihre Nachbarn fragen ... und die Nachbarn von Ihren Nachbarn ... die Nachbarn von Ihren Nachbarn sind schließlich unsere Nachbarn. Klar? Das war's. (geht zur Türe)
CHAPUZOT:      (zählt die Striche auf dem Deckel und läuft dem Interviewer nach) Monsieur?
INTERVIEWER:   Nein. Und nochmal nein!
CHAPUZOT:      Aber Monsieur?
INTERVIEWER:   Nein. Nein. Das war's. Das ist jetzt zu spät.
CHAPUZOT:      Aber Sie müssen noch zwölf Bock bezahlen!
INTERVIEWER:   (drohend) Die Presse ist niemals etwas schuldig. (nimmt den Deckel und wirft ihn aus dem Fenster. Geht raus.)
CHAPUZOT: (will den Deckel fangen, stößt sich den Kopf an der Fensterscheibe und jammert) Mein Gott, mein Gott!

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